About me
   Verfasstes
   Internetfamilie
   Fotos
   Friends
   Tiere
   Links
   Guestbook
   Diverse Bilder
Coming Out

Eigentlich habe ich es immer schon gewusst, aber mit 11, 12 Jahren, zu Beginn der Pubertät wurde es mir gänzlich klar. Ich war anders, als die meisten Anderen und anders, als meine sozialistische Umwelt von mir erwartet hatte. Ich war Demokrat. Diese Erkenntnis schlug bei meiner Umwelt ein, wie eine Bombe, nur meine Eltern waren nicht überrascht, denn sie hatten mich ja so erzogen. Nur in der Schule wurde es eng, denn meine Lehrer waren es nicht gewohnt, dass man ihre Autorität auch nur ansatzweise hinterfragte. Ich tat das aber und bezweifelte alles und jeden. Mein Geist war zwar im richtigen Körper geboren, aber definitiv im falschen System.
Ich nahm das demokratisch in DDR etwas zu ernst und bekam natürlich Ärger wegen dieser jugendlichen Rebellion. Man hinterfragte eben nichts in der Deutschen Demokratischen Republik, so war die gängige Auffassung, wenn man da etwas werden wollte. Man hatte sich zu ducken und mitzumachen, wenn die regierende Partei, die SED, die nach einem gerne gespielten Lied ja ohnehin immer Recht hatte, den Sozialismus, die DDR, den großen, Bruder, also die „siegreiche“ UdSSR, den Warschauer Pakt oder ganz einfach nur die SED zu loben. Leute, die Politiker bejubeln, waren damals und sind mir noch bis heute suspekt.
Ein Spiel, was mir auf das Innerste widerstrebte und dem ich mich verweigerte, denn ich fand nichts widerlicher, als die Mitläufer, die sich dafür noch belohnen ließen. Allerdings erschien mir auch früh genug der Westen nicht als Ausweg oder gar als Lösung, denn ich hatte 1968 im zarten Alter von acht Jahren über das Westfernsehen die Studentenunruhen in Westberlin mitbekommen und nach dem Tod eines Studenten dort, erschien mir auch der suspekt genug, um da nicht unbedingt leben zu wollen.
Denn wo Menschen bei einer Demo sterben, kann es die echte Freiheit dann ja auch nicht geben. Am Westen selbst erschienen mir damals eigentlich nur die Musik und die Musiker gut. Mit 15 zeigten sich bei mir die ersten Anzeichen einer ererbten Krankheit, die mein Leben prägen sollte. Mit 17 hatte ich dann mein Aha-Erlebnis bei einer Demo in Ostberlin, nach der ich eingesperrt wurde, nur weil ich demokratische Rechte etwas zu laut und zu sichtbar für gut befunden hatte. Die Diktatur der DDR eben.
Ich lernte dann einen anständigen Beruf, weil ich mit 18 auch und trotz Krankheit selbstständig leben und nicht bis 39 im Hotel Mama leben wollte.
Das Arbeitsleben gestaltete sich etwas umständlich, da ich den erlernten Beruf plötzlich nicht machen durfte und man mich mit 21 auf Rente setzte.
Die war allerdings so knapp bemessen, dass ich dazuverdienen musste, um meinen Lebensstil zu halten und so fing ich über drei Ecken dann am Theater, dem Friedrichstadtpalast an zu arbeiten. Dass ich da dann sogar eine Art Chef wurde und das dann noch über 15 Jahre dauern sollte, überrascht mich jetzt selbst am meisten.
Nun brachte es das Dasein als Rentner in der DDR mit sich, das man einen Pass bekam, der sogar für den „feindlichen“ Westen gültig war. Ich konnte also reisen und meine musikalischen Favoriten im Konzert erleben. Als dann 1989 die große Wende kam, war ich nicht sehr überrascht, denn ich hatte ja auch in Kirchen gesessen und auf eine andere DDR gehofft.
Damals war mir völlig unklar, wie sehr am Ende dieser Staat doch tatsächlich war. Nun konnte ich aber zum ersten Mal meinen innersten demokratischen Trieben nachgeben und habe im Oktober 89 in meinem Stadtbezirk eine Ortsgruppe mitgegründet und war damit basisdemokratisch schwer aktiv. Die Zeit des „nur darüber Redens“ war ja vorbei.
Nur was dann passierte, fand ich schon wieder bedenklich, denn sämtliche braven Parteigänger und Mitglieder der sozialistischen SED blieben im neuen Deutschland unter König Kohl in ihren Chefsesseln oder wurden sogar mit fetter Abfindung in eine noch fettere Rente geschickt. Aber Kohl hatte wohl ein Herz für treue Parteigänger und da war es Kohl offensichtlich auch egal, welcher Partei die nun einst zugejubelt haben. Er mochte Parteimitglieder, die sich nicht mit eigenem Denken belasten und offenbar gab es da im neuen Deutschland ein großes Potential.
Da gibt es eine deutsche Jugend, die mehr besitzt, als jede deutsche Jugend zuvor. Sie hat ein Internet zum austoben und so teure Computer dafür, dass man von dem Geld früher ganze Dörfer hätte satt bekommen.
Da aber die Deutschen ohnehin Weltmeister im Jammern sind, übt sich ihr Nachwuchs darin recht früh und hartnäckig. Es gibt sogar junge Erwachsene, die mit 27 schon auf die 30 zusteuern, noch nichts Nennenswertes im Leben geleistet haben und die sich unter einem sozialdemokratischen Kanzler so verelendet fühlen, das sie wahlweise einen berüchtigten amerikanischen Präsidentendarsteller ohne ersichtlichen Grund Preisen oder im Gegenzug sogar verstorbene Führer der Neonazis, wie Michael Kühnen zitieren.
Von solchen Gestalten ist kein Coming Out in Sachen Demokratie zu erwarten, denn, obwohl sie mit dem goldenen Löffel der Demokratie im Mund geboren wurden, geht ihr einziger Wunsch nur in Richtung Diktatur und die habe ich schon in vollen Zügen genießen dürfen und kann sie dankend ablehnen. Und werde 2006 das Meine dagegen unternehmen. Ich musste zu sehr für Demokratie kämpfen und zulange auf sie warten.
Die Demokratie und ich haben nun seit 1990 ein sehr inniges Verhältnis und wir beschützen einander gegen böswillige Einflüsse, ob nun aus dem Internet oder, eher unvorstellbar, aus dem realen Leben!