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Das große Pfeifen

Die Einführung der amerikanischen Sendeform "Talkshow" erfolgte in der Bundesrepublik 1973 mehr als zwanzig Jahre nach deren Entstehen in den USA.
Nur was mit Dietmar Schönherr und handverlesenen Gästen von Bühne, Film und Fernsehen in geselliger Plauderei überging, wurde 1991 mit Beginn des täglichen Talks mit Hans Meisers erster täglicher Talkshow auf RTL dann schnell nur noch zum großen Palaver und zum Schluss war es sogar nur noch das große Gezeter und das große Pfeifen, weil am Ende des Daily Talk, wie das Ganze neudeutsch genannt wurde, nur eine Flut von tatsächlichen und angeblichen Schimpf und Pfuiwörtern übrig blieb, die als politisch höchst unkorrekt eingestuft und mit einem Pfeifton überlagert und dadurch sinnigerweise erst recht markiert wurden.
Am Beginn der Neunziger war ich noch fit genug und hatte auch Arbeit, sodass ich höchstens vormittags oder kurz vor der Vorstellung in eine Talkshow reingucken konnte. Wo es bei Hans Meiser noch halbwegs ruhig und sittsam zuging, drängten dann immer neue Talkshows.
Von Arabella bis Sonja Zietlow waren auf den verschiedensten Privatsendern bald bis zu 12 Talkshows täglich am Start und buhlten mit immer denselben 270 Themen um die Gunst der Zuschauer.
So wurde aus den 38 Minuten reiner Talk von 1991 dann ganz schnell 398 Minuten täglich reines Blah im Jahr 1998, wie man im Internet nachlesen kann. Es war wie ein Schock für die sonst eher maulfaulen Deutschen, weil plötzlich jeder ins Fernsehen durfte, wer wollte und bereit war, dort seine Nachbarn anzuscheißen, das Intimleben seines Partners detailliert zu berichten, oder im Zweifelsfall auch nur über seine eigenen schrägen Vorstellungen von Liebe, Sex, gemeinsamen Leben oder auch gerne mal vom eigenen, gestörten Verhältnis zu körperlicher Arbeit.
Alles schien erlaubt und alles wurde gesendet, damit man die Werbung mit irgendetwas verpacken konnte. Es war absurd, lächerlich und entbehrte auch irgendwo nicht einer gewissen Komik, wenn sich dann junge deutsche und auch junge ausländische Prolls in die Studios trampelten, einem ungläubigen Publikum im Studio und den noch ungläubigeren Fernsehzuschauern knallhart in die Kamera atmeten, wie viel, O-Ton, „hundert Weiber“ sie denn schon „gefickt“ hätten.
„Playboy51 aus Reinickendorf“ war da ein relativ berühmtes Beispiel, das es als hartnäckiger Homo Vulgaris sogar bis zu Stefan Raab geschafft hatte.
Zum geradezu akustisch/ orgiastischen Höhepunkt wurde eine solche Talkshow immer dann, wenn sich wahlweise ehemalige gute Nachbarn, ehemalige gute Freunde, oder ganz besonders, wenn sich ehemalige schwerverliebte und eigentlich absolut unzertrennliche „großen Lieben“ die Talkshows im Fernsehen als Arenen für ihren, meist absolut lächerlichen Zwist ausgesucht hatten und sich dann in ihren jeweiligen Idiomen, also wahlweise bayrisch, schwäbisch, berlinerisch oder gar sächsisch die unfeinsten Kraftausdrücke um die Ohren hauten. Bei Bärbel Schäfer hatte man zeitweise den Eindruck, dass die verfemten Talkgäste sich viel lieber anonanieren oder aufs Maul hauen wollten, als miteinander reden.
Dar riss dann einem Programmdirektor wohl mal der Geduldsfaden und es gab von da an einen Pfeifton über alles das, was sich nach einem Schimpfwort oder gar einem Ausdruck aus der Welt der Erotik anhören konnte.
Nachdem dann auch noch alle körperlichen Abnormitäten in die Studios gezerrt worden sind und am Ende sogar Frauen mit dem stolzen Gewicht von über 250 Kilo das Publikum im Studio und die Zuschauer zuhause dann mit einem gewagtem Striptease mit ihrem schwabbelndem Speck wirklich restlos beglücken durften, haben die Programmchefs wohl die Notbremse gezogen und übrig blieb von der Flut der Talkshows dann nur noch ganze drei, wenn man den öffentlich/rechtlichen Pfarrer Fliege mal abzieht, dessen Zielgruppe wohl ohnehin irgendwo jenseits der 70 liegen muss.
Dabei hätte man es wissen können, denn ein Blick über den großen Teich hätte wieder gereicht.
Der berühmte Jerry Springer hat nämlich inzwischen das Konzept der Talkshow auf atemberaubende Weise erweitert: Hier spricht nur noch der Körper. Morgens um 11 Uhr sehen wir Leute, die sich prügeln, die Hosen runterlassen, sich die „tits“ und die „dicks“ zeigen.
Sie sterben den sozialen Tod und genießen jede Sekunde des Auftritts. Sie hinterlassen verbrannte Erde, und Jerry Springer sieht mit ermutigendem Lächeln zu. Seine und andere Talkshows in den USA haben mehr von einem Livebericht aus einem Affenhaus, als dass man da von einer Talkshow, also miteinander reden sprechen kann.
Im deutschen Fernsehen gibt es Sendungen die den Müll Deutscher Talkshows der vergangenen 10 Jahre und die Highlights aktueller amerikanischer Talkshows komprimieren und recht unterhaltsam kommentieren.
Bei Jerry Springer, der alles gerne noch etwas anheizt, herrscht im Studio meistens Steinzeit und da offener Krieg.
Der Moderator und seine leicht mutierten Gäste werden von einer Horde Body Guards bewacht und voneinander fern gehalten, weil es da meist um gescheiterte Beziehungskisten geht und wahlweise Herr oder Frau Eifersucht kaum noch die Fäuste an sich halten kann. Das völlig enthemmte Studiopublikum, welches direkt von einer Christenverfolgung im Colosseum des alten Roms weggeholt worden zu sein scheint, ist außer sich vor Begeisterung und feuert die Kontrahenten noch etwas an.
Die sind aber ausgebremst von den Body Guards und ihnen bleibt nur die Flucht nach vorne und da in das Schimpfwort.
Diese Disziplin beherrschen die Amerikaner allerdings so perfekt, dass man glauben könnte, sie hätten ein spezielles Gen dafür entwickelt.
Den hilflosen Regisseuren dieser Talkshows bleibt ja keine Wahl. Sie können die Leute nicht erziehen und da bleibt also nur der alles überlagernde Pfeifton.
So wurde aus dem großen miteinander reden im Laufe der Zeit nur eine Art Livebericht aus der geschlossenen Anstalt, den man im deutsche Fernsehen unmöglich senden konnte, denn im Gegensatz zur Late Night, die ja von Harald Schmidt sehr erfolgreich für das deutsche Fernsehen umgesetzt wurde, fand sich für den Daily Talk niemand, der dieses ungezähmte amerikanische Sendeformat für Deutschland auf Dauer domestizieren konnte. Man muss ja auch nicht jeden Müll der USA im deutschen Fernsehen haben.
Es reichen schon, wenn es deutsche Jerry Springer in der Politik gibt und da die großen Pfeifen herumlaufen und der teure Bundestag mit seinen Lügen nicht durch das große Pfeifen ersetzt wird