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Der Abend der alten Herren

Der Abend der Stones begann erstmal mit einigen Verwerfungen. Erst zeitlicher und dann örtlicher Natur. Da mein Freund Torsten, mit dem ich zum Konzert der Rolling Stones ins Olympiastadion Berlin verabredet war, seine Brötchen auch als Musiker verdient, hatte er eine Mucke in Dresden, also etwas außerhalb von Berlin und wir mussten zusehen, wie wir zueinander fanden.
Meine Mutter machte den Chauffeur, da Torstens Bluesmobil am verstopften Ort des Geschehens gar keinen Parkplatz gehabt hätte. Wir kamen erstmal schon reichlich knapp am Olympiastadion an. Wir kamen an, aber völlig falsch.

Der Einlasser, dort wo wir ankamen, stellte sich deutsch, also stur. Unsere Tickets seien für das Osttor des Stadions und das sei nur ein Stück weiter und er wedelte mit seiner Hand in eine undefinierte Richtung. Torsten sah mich prüfend und besorgt an, und ich stiefelte auf meinen 1,5 Füßen und mit meiner Krücke los. und das „ein Stück weiter” erwies sich als einmal um das ganze Stadion und das auf einem Sandweg. Noch eine halbe Stunde später waren wir dann am politisch korrekten Eingang auf der anderen Seite, und wir durften sogar hinein.
Da begann der Teil des Olympiastadions, vor dem ich mich eigentlich gefürchtet hatte ohne die halbe Stunde Wanderschaft einzukalkulieren, die Treppen. Diese waren aus der Zeit, als die Römer solche Arenen bauten, oder eben aus der, wo der GröFaz noch die Steinplatten in sein Olympiastadion höchstselbst eingeklopft hatte. Auf jeden Fall war alles alt, uneben und morbide. Wir betraten dann den äußeren Gang des Stadions und hörten es schon pfeifen und toben.
Da wurden dann wohl die Onkelz, die als Vorgruppe fungierten, aus der Arena gepfiffen, denn fünf Minuten später schalmeite es vertraute Klänge an unsere Ohren. „Brown Shugar” hörten wir es rocken und bis zu unseren Plätzen war es noch weit.
Beim vierten Titel saßen wir dann von, diesmal freundlichen Ordnern, an Plätze geleitet am Rand des Ganges, die zwei überaus freundliche Stonesfans angesichts meiner Krücke freimachten und sich mit unseren entfernteren Plätzen begnügten.
Nicht nur die Stones sind eben anders, sondern auch ihre Fans. Die Bühne der Stones war wie immer gigantisch, aber man hatte diesmal auf den sonst üblichen technischen Firlefanz, wie bewegliche Bühnen und dergleichen verzichtet, und die volle Aufmerksamkeit sollte, gemäß dem Tourneemotto ganz den alten Herren auf der Bühne und ihrer Musik gelten. Genial, wie sich herausstellte.
Es gab nur eine riesige Leinwand auf der sämtliche Bühnenaktivität auch für den letzten Blinden, mich, überdeutlich gezeigt wurde. Was diese „alten Herren” anging, so waren diese fitter denn je und die Lederhaut Mick Jagger, der nächstes Jahr 60 wird, turnte mit mehr Elan auf dieser Riesenbühne, wie manch 20jähriger wenn er bei Aldi seinen Sprit kauft. Dass Mick nun schon eine Lederhaut war, machten die gleichen Großaufnahmen deutlich, die auch zeigten, das Keith Richard dann doch im Gesicht schon Ähnlichkeiten mit einer Aktentasche aufwies.
40 Jahre Sex, Drugs & Rockn’Roll hinterließen dann doch ihre Spuren. Gesichter können aussehen, wie sie wollen, aber eine Frage war für mich geklärt. Die Beatles mögen musikalischer gewesen sein, aber die Stones waren und sind immer noch rockiger. Mick, der diese Riesenbühne entlang wetzte, wie ein 15jähriger beim Schulsport, dabei tanzte und sang und so ganz nebenbei noch das Publikum im Griff hatte, war für mich noch genauso fit wie eh und je. Ich habe die Stones zum ersten Mal im Juni 1982 bei der Wiedereröffnung der Westberliner Waldbühne erlebt.
Diese Waldbühne musste nach einem ihrer Konzerte dort 1965 geschlossen werden, und ich hatte dank fieser Krankheit einen Reisepass und dank umtauschfreudiger, spendabler Mutter ein Ticket. Die Fans werden genauso älter, wie die Stones selbst, und trotzdem sah heute ich auch Fans von höchstens 18 bis Ende 20, also Leute, die eigentlich, schon rein altersmäßig kein unmittelbares Publikum der Stones sein sollten.
Trotzdem waren sie im Stadion und trotzdem feierten sie dieses Event mit. Nicht nur , das sie begeistert geklatscht und gejubelt haben, nein, sie waren auch textfest. Das zeigte sich, als Mick unten seine Hymne: „You cant always get what You want” anstimmte und das Stadion in einem köstlichen Deutsch zum Mitsingen aufforderte.

Das Publikum tat wie befohlen und die Feuerzeuge gingen an. Es wurde stimmungsvoll und, ganz davon ergriffen, traten zwei Herren um die 30 drei Reihen vor mir aus der Reihe und umarmten sich zum Tanz. Nur war das nicht schwul, das war Rock! Unten auf der Bühne wurde dann jeder Song zum Event.
Jagger tanzte und sang und Keith Richards lieferte sich mit Ron Wood bei :"Can You here me knocking" ein Gitarrenduell, das eines Carlos Santana im Doppelpack würdig gewesen wäre. Die kleine Bühneninsel in der Stadionmitte gab es auch wieder, nur in Ermangelung technischer Möglichkeiten bequemten Mick und seine Jungs sich diesmal doch tatsächlich zu Fuß dorthin, um dort dann in Volkesnähe weiterzurocken.
Wieder konnte man sehen, dass sich zu früher nicht viel geändert hat, denn schon drei Minuten später sammelte Ron Wood den BH eines weiblichen Wesens ein, deren Hormone wohl grade Überstunden machten und heftete das Ding wie eine Trophäe breit grinsend an den Hals seiner Gitarre. Also alles wie immer. Zu den Klängen von „Gimme Shelter” wanderten die Herren dann zurück auf die große Bühne und dort wartete dann, auch wie immer, eine Liza Fisher empfangen, die genauso geil sang, wie sie aussah. Für Damen hatte Jagger immer schon ein Händchen.
Es ging so weiter, von Song zu Song, von Event zu Event. Dann kam der Punkt, an dem Jagger wieder glaubhaft versicherte, dass er keine Befriedigung bei irgendwas findet, es kam mein persönlicher Jahrhunderthit „Satisfaction”. Bei mir ging es dann ähnlich los, denn alles, was ich den Tag getrunken hatte, wollte raus. Nur wird am Stadion ja gebaut und das dann gleich richtig.
Sämtliche WC, die ich von 1999 noch kannte, waren zugemauert und ich musste mit Hilfe von Torsten dann in die aufgestellte WC-Baracke außerhalb der Stadiongänge latschen. Als ich mit meiner Verrichtung fertig war, strömten uns schon die erste Menschenmasse entgegen und der Abend wurde final.
Jagger sang zwar noch, aber er sang dem Ende zu und richtig, nach diesem Song kam dann auch das übliche finale Feuerwerk, wie bei jedem Auftritt der Stones in den letzten 20 Jahren, den ich miterlebt habe und das waren dann, London 1994 inbegriffen, insgesamt Neun. Torsten erlebte das Konzert wie ich ohne Anfang und ohne Ende, aber dafür begeistert mit den leuchtenden Augen eines kleinen Jungen, nur dass er eben auch schon 40 und ein alter Herr wie ich ist. Er wollte mir partout nicht glauben, dass Mick Jagger schon 59 und sein persönlicher Favorit, sein Drummerkollege Charlie Watts sogar schon 62 ist.
Ob es nun die letzte Tour der Stones war oder nicht, eines haben sie bewiesen. Sie spielen immer noch jeder anderen Band und erst recht diesen Kunstprodukten, wie No Angels, Bro'sis, dem RTL-Alexander und wen es da noch alles gibt, aber auch absolut den Arsch ab!
Die Stones waren immer schon irgendwie jünger und besser und das, seit ich Fan, seit ich 13 bin.