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Der Gulag

Es begab sich Anno 1998, als ein Programmchef von RTL 2 das Buch von George Orwell in die Hände bekam und ganz offensichtlich Rückwärts gelesen und nicht verstanden hatte. Bei totaler Überwachung fiel ihm nur die Fernsehkamera ein, die möglichst lange auf möglichst privates Treiben einer Gruppe von möglichst dummen Menschen zu halten sei. Die Idee des Containers von Big Brother war geboren und abgenabelt.
Mit dem Buch von Orwell hatte das alles genauso viel zu tun, wie die unbefleckte Empfängnis mit dem Betrieb eines Bordells. RTL 2 wolle den Alltag von Otto und Lieschen Normalverbraucher einfangen und in einem Container dann zu einer Sendung aufbereiten. Nun wurden nur noch Freiwillige gesucht und mit viel lockendem Geld sogar gefunden. Das kranke Format der Reality-Soap war nun auch in Europa geboren. Der Durchschnittsbürger bekam nun die Bahnbrechende Möglichkeit, anderen Durchschnittsbürgern bei ihren täglichen Verrichtungen zuzusehen, die nun wirklich alles andere als interessant oder gar unterhaltend sind. Das Fernsehen als Spiegelersatz für einen, ohnehin langweiligen Alltag. Nur die Arbeit fiel dabei weg, wie bei so vielen in diesem Land. Die Schlacht um das Quotenvieh Zuschauer nahm immer skurrilere Züge an. Die „Helden“ der neuen Serie Big Brother sollten ganz normale, aber dennoch ausgesuchte Menschen des Alltags sein und die Handlung war alles was sie taten, von A bis Z, also von deren Atmung hin bis zu deren künstlich angefachtem Zorn durch die eingeplante Langeweile. Langeweile war auch das, was die meisten Zuschauer überkam, wenn sie sich dieses Machwerk länger als nötig angetan hatten.
Allerdings musste es wohl genug Masochisten geben, die ihren Rest Hirn aufs Spiel gesetzt haben, um das bittere Ende mitzuerleben, denn es gab noch ein zweites Mal Big Brother. Wieder in einem Container und wieder nur fade. Allerdings durfte der Zuschauer nun auch Paarungsritualen mehr oder weniger offen beiwohnen, aber das machte wohl nur so richtig die Produzenten geil. Sie waren geil auf noch mehr Kohle, die ihnen die verkaufte Werbezeit rund um Big Brother einbringen würde und sie gingen weiter, als Orwell es sich je hätte träumen lassen und bauten für die dritte Staffel Big Brother eine Art Lager, den russischen Gulags nicht unähnlich, in die Stalin damals seine Feinde steckte und die, die er dafür hielt. Nur der Gulag von RTL 2 war dagegen purer Luxus und eigentlich war nur die Überwachung fast die Gleiche.
Nur überwachen da keine wodkatrunkenen Soldaten, sonder eine Armee von Hightekameras, die, mit hochsensiblen Mikrophonen versehen, aber auch noch so leisen Furz aufzeichnen können. Man sollte meinen, dass erwachsene Menschen, die in der totalen Freiheit des Westens geboren sind, dazu neigen, einen solchen Gulag tunlichst zu meiden, aber die abartige Gier nach Geld und der Öffentlichkeit einer Kamera ließen auch diesen Silo der Dummheit wieder voll werden. RTL 2 gab sich auch die Mühe, diesen weiteren Tiefpunkt der deutschen Fernsehgeschichte wie einen mittleren Krieg zu vermarkten. So wird das nichtnur auf RTL 2von dem gescheiterten Sängerlein Oli P. feilgeboten, sondern auch auf vielen ähnlichen, inhaltsarmen Sendern, wie z.B. Tele 5. Als Krönung haben reiche Masochisten die Möglichkeit, jedem Furz im Gulag von Big Brother gegen eine happige Monatsgebühr, aber dafür rund um die Uhr im Bezahlfernsehen Premiere beizuwohnen.
Offensichtlich muss es auch eine Masse an zahlungskräftigen Zuschauern jenseits der Grenzen der Intelligenz geben, denn das Angebot gibt es noch immer. Auch im Internet darf man dieser inhaltfreien Nichtigkeit via Webcam und selbstverständlich gegen Gebühr rund um die Uhr beiwohnen. Damit wäre auch die Zukunft einer solchen „Unterhaltung“ schon vorgegeben.
Jede Familie Deutschlands pappt sich Webcams in ihre Wohnungen und alle anderen, die sowas unbedingt sehen wollen dürfen dann via Internet ohne Werbepausen bei Fortpflanzung, Essen und Verdauung zusehen. RTL 2 verdient dann zwar daran nichts mehr, aber dieser Schmerz sollte auszuhalten sein.