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Die WG der fidelen Senioren

Da in meinem Haus auf Maoi noch gebaut wird und meine 20 Frauen mit meinen sämtlichen Kreditkarten zum shoppen in der Welt herumfliegen, habe ich mal wieder den heiligen Abend bei meiner Mutter verbracht. Die lebt nach dem Tod meines Stiefvaters mit dem Bruder meines richtigen Vaters, also meinem Onkel, in einer recht munteren Senioren WG zusammen und machen zusammen, was ältere Leute eben so zusammen machen. Zusammen verreisen, einkaufen oder sonstwie ihre Zeit vernünftig totschlagen.
Mit meinem gefühltem alter von 139 war ich da also genau richtig.
Nach einem recht opulentem Mahl mit etwas nerviger Weihnachtsmusik ging der Abend mit Gesprächen über dies und das und dann, wie bei alten Herrschaften üblich, über Zipperlein und deren mangelhafte Versorgung in diesem Land weiter. Für mich das Erschreckende daran war die Erkenntnis, dass ich dabei schon mitreden konnte. Die Einschläge kommen also näher. Über was anderes, als die übrig gebliebene Gesundheit sollen drei alte Leute auch sonst reden, denn Zungenpiercings und die Top 10 der MTV Hitparade fallen da ja schon aus biologischen Gründen irgendwie flach. Logischerweise kamen wir zu dem Ergebnis, das alles immer schlechter wird und früher natürlich besser war. Ich bin also doch schon sehr alt, stellte ich fest.
Da wir wegen ziemlich aktiver Haustiere verzichten wir auch seit Jahren auf einen Weihnachtsbaum und sonstigen festagsschmuck wie Adventskränze Bspw., denn da hatte ich auch so früher die Neigung zum Wohnungsbrand und keiner möchte den Dreck aufsammeln, wenn die Kater mal eben einen Ausflug an dessen Spitze machen wollten, wird die Materialschlacht der Geschenke ziemlich formlos am Tisch eröffnet.
Auch da wird es bei uns Alten ja auch schon wieder problematisch, denn eigentlich haben wir ja fast alles. Eigentlich fiel nur ich wieder aus der Rolle mit meinen dekadenten Wünschen, die mir Mutter übers Jahr hinweg entlockt hatte, vom Auge ablas oder ganz einfach danach fragte. Mich kotzte es an, auf die Gnade der Privatsender angewiesen zu sein, wenn ich meine heiß geliebte Folgen von AkteX sehen wollte und so fand ich es ungemein praktisch und günstig, das Amazon davon soviel auf DVD hatten, dass sie sie verkaufen mussten.
Womit erst einmal der Erfinder des DVD Players gepriesen sei.
Mutter hatte auf eine Freisprechanlage reflektiert und ich hatte ganz günstig eine universelle bekommen, die aber genauso schon im Betrieb war, wie mein Festplattenrecorder, der für mich das Ende von nervigem Bandsalat und teuren DVD Rohlingen bedeutete. Das fiel also heilig Abend nicht so ins Gewicht.
Onkelchen war auch Rentner und da wurde es schwierig.
Wobei er, wie mein verstorbener Stiefvater auch, recht seltsame Klänge mochte.
Nur da, wo sich Vater stundenlang Heino hören konnte, war Onkel von bestimmten Nadelbäumen am Waldrand begeistert, die sich ununterbrochen nach Gesundheit und Aufenthalt eines gewissen hölzernen Michael erkundigten, was mir persönlich eher auf die Ketten gehen würde. Aber jedem das Seine, denn Onkel hatte dafür weder einen Nerv für Woodstock, noch für Live Aid und so war das Konto wieder ausgeglichen.
Mutter hatte ganz nebenbei noch meine Vorliebe für einen neuen starken und guten Kaffee Namens Senseo bemerkt und mir den samt passender Maschine für den Nachttisch geschenkt. Und musste beides natürlich testen.
Nun ist aber Kaffeemaschine nicht gleich Kaffeemaschine und diese ist nun besonders heimtückisch gebaut. Augen zu und durch und schon nach lächerlichen 45 Minuten war der erste Kaffee fertig und schmeckte sogar ziemlich lecker. Dazu noch eine Handvoll neuer DVDs mit Brad Pitt und Kevin Spacey und in mir erwachte das Heimweh. Beschenkt wie ein König humpelte ich also nach dieser kleinen aber feinen Familienfeier hochzufrieden nach Hause, ließ mich vom ekligen Weihnachtsprogramm des Fernsehens ermüden und sank zum Tiefschlaf ins Bett. Da ich sogar von Felix, meinem jungen realen Freund aus dem Internet mit einer Aufmerksamkeit bedacht wurde, hat diesen heiligen Abend dann ganz rund gemacht.
Ich hoffe nur, dass wenn ich mal so alt bin, wie ich mich fühle, dass ich dann auch jemanden finde, mit dem ich den Lebensabend in einer so fidelen WG verbringen kann. Eine Ehe ist dafür ja keine Garantie, denn Mutters Mann ist ja auch zu früh verstorben.
Alles in Allem ein schöner Weihnachtsabend.