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Fünf Tage bei Ben

Wer bin ich und woher kenne ich Ben? Ben ist in diesem Fall das Klinikum Benjamin Franklin in Berlin Steglitz. Ich bin R. Schubert, 41 Jahre und schwerstbehindert, Orchestermanager im Krankheitsbedingten Ruhestand. Ich leide unter einer Malformation in den Gefäßen meiner rechten Gehirnhälfte. Ich bin also krank. Zeit meines Lebens. Allerdings war das mal viel offensichtlicher. Damals, zu Ostzeiten war ich in der Berliner Charite in Behandlung. Als sich mein Zustand 1992 rapide verschlechterte, bestellte man mich hin und erklärte mir allen Ernstes, dass man das durch Amputation (!) der rechten Hirnhälfte in Ordnung bringen könnte. Ich verließ die Charite voller Entsetzen unter dem Eindruck, das da Barbiere und keine Chirurgen ans Werk wollten. Meine Hausärztin kam dann ins Spiel. Sie hatte in der Fachpresse etwas von einem Prof. Lasjaunias, einem französischen Arzt, der auf dem Gebiet der Gefäßchirurgie weltführend war. Ich bin voller Hoffnung dann zu Ben, der damals noch schlicht Klinikum Steglitz hieß und begab mich in die Hände des Professors. Er nahm mich auf und vollzog in meinen zerlöcherten Hirngefäßen eine Embolisation, d. H. er ging mit einer Sonde über meine Beckenschlagader direkt in mein Gehirn und verklebte die kaputten Gefäße so gut er konnte von innen. Da er sein Wissen an deutsche Ärzte und Professoren, in dem Fall Dr. Schilling weitergab, konnten diese nach seiner Rückkehr nach Paris diesen Eingriff dann selbst vornehmen. Das taten sie bei mir auch in unregelmäßigen und bescherten mir dadurch etliche Jahre, in den ich voll arbeiten konnte, Steuern zahlte und vier von fünf Kontinenten besuchen konnte. Im Jahr 2000 wäre der fünfte Kontinent dran gewesen und da ereilte mich ein Schlaganfall, ausgelöst durch persönlichen Stress. Die bisher embolisierten Stellen reichten wohl nicht aus. Daher besuchte ich Benjamin, inzwischen hieß er auch so, wieder in den Jahren 2000, 2001 und auch jetzt, 2002. Ich ging auch hin, weil sich Doktoren und sämtliches Pflegepersonal immer sehr rührend um mich gekümmert hatten. Aus meinen Zeiten in der Charite und den acht Monaten Klinikaufenthalt in der REHA-Klinik in Grünheide nach dem Schlaganfall kannte ich genau das auch anders. Nur traf mich Diesmal etwas, was mir als Angestellter des, seit 1990 pausenlos bedrohten Friedrichstadtpalasts sehr bekannt vorkam, die Klinik ist von Schließung bedroht. Etwas entsetzt ging ich auf meine, mir ja schon bekannte Station 14, wo sich um Gefäßchirurgie und Wirbelsäulenschäden gekonnt gekümmert wurde und bis jetzt noch wird. Mich empfing lächelnd die Oberschwester Hoffman, die mich wieder erkannte und mich auf ein Zimmer schickte. Ich folgte ihrem Wunsch und betrat angewiesenes Zimmer. Dort empfing mich ein Herr, dessen Gesicht mich lebhaft an einen knurrenden Pittbull erinnerte mit einem dröhnenden Gestöhne, der Äußerung: „Alles Scheiße hier!“ und setzte an, seine Krankengeschichte mit mir zu teilen. Nachdem ich freundliches Desinteresse zeigte, wurde er ruhig. Erstmal. Ich legte mich zum Schlafen hin und es wurde laut. Er zeterte und stöhnte die ganze Nacht. Am nächsten Morgen kam dann Patient Nummer Drei zurück ins Zimmer. Dem Aussehen und ersten Eindruck nach ein unscheinbarer Dreißigjähriger. Unscheinbar war er. In jeder Beziehung. Er klebte dem Pittbull an den Lippen und bestätigte alles, was dieser von sich gab. Auch jeden Blödsinn. Ich freundete mich derweil mit dem Zivildienstleistenden Sua an, der koreanischer Herkunft war, aber in Deutschland geboren. Dieser nahm das Treiben mit der, ihm eigenen asiatischen Gelassenheit hin und sagte zu mir, ich solle dem Ganzen mit Liebe begegnen. Nun bin ich allerdings kein Asiat und ich sah wachen Auges weiter zu. Es kam nun auch noch die Frau des Pittbull ins Spiel. Diese war ein Wesen, so irgendwas über die 50. diese passte offensichtlich ganz gut zu ihrem Mann, denn sie keifte sofort los. Sofort bekam ich davor Angst, auch so alt und giftig zu werden. Ich hatte dann OP-Termin und war dann für zwei Tage in anderen Stationen, unter anderem auch in der Intensiven. Als ich dann wieder auf die 14 gerollt wurde, dachte ich, es hätte sich der, mir unerklärliche, Zorn des alten Mannes gelegt. Die Operation kann es nicht gewesen sein, denn ich habe andere, wesentlich schwächer gebaute Leute in den Jahren davor erlebt, die ähnliche Schmerzen tapfer und recht lautlos wegsteckten. Dachte ich… Ich dachte Falsch. Es kam zu einem Vorfall, der mich dann sauer werden ließ. Oberschwester Jedranka, Jugoslawin, eine Seele von einem Mensch und auch eine Kraft in ihrem Fach, war so frei, Herrn Pittbull eine Tasse Kaffee mit Milch auf seinen Tisch zu stellen. (zum festhalten, Jedranka ist Oberschwester und keine Kellnerin und wir befinden uns in einer Klinik und nicht im Hilton!) Da brach es aus Frau Pittbull heraus. Zitat: „ Was erlaubt Die sich eigentlich? Die muss doch langsam wissen, dass mein Mann nur Kaffee schwarz trinkt!“ Von seiner Seite ging es dann ähnlich weiter. „Diese unfähige Russin!“ usw. usf. mir reichte es, ich ging rüber zu Sua in seinen Aufenthaltsraum und sah von dort aus, wie ein Patient entlassen wurde, also de Facto ein Bett woanders frei wurde. Ich fragte Sua und dann die Oberschwester und mein Umzug war geregelt. Das neue Zimmer war von zwei alten Herren so um die 70 belegt, die mir sofort die Angst vor dem Altwerden wieder nahmen. Beide weltoffen und intelligent. Sie hatten vom Treiben im anderen Zimmer gehört und missbilligten das aufs Schärfste. Dann kam von Frau Doktor die Weisung, ich möge wieder umziehen in ein anderes Zimmer. Ich folgte, wie mir befohlen und des Abends hatte ich dann eine weitere Wiederbegegnung mit einer Perle der Pflege. Diese hieß Carlos, kommt aus Argentinien (!) und ich kannte ihn seit 1992 als eine sehr kompetente und immer hilfsbereite Fachkraft. So verging Tag fünf bei Ben. Nächsten Morgen, heute, wurde ich entlassen und ich schwor mir, ich werde etwas von dem, was ich Ben schulde zurückgeben in einer Mail an Zeitung und Parteien. Das hier ist sie. Meine Frage geht an alle: Wie kann man ernsthaft daran denken, ein solch, in sich gewachsenes Arbeitskollegium, wo auch die Integration von Nichtdeutschen in den täglichen Alltag so hervorragend gelungen ist, aus welchen finanziellen Gründen auch immer, auflösen zu wollen? Im Juni muss ich das nächste Mal dahin und im nächsten Jahr werde ich wieder arbeiten gehen. Und Steuern zahlen. Dank Ben, denn in der Charite hätte man mich schon 1992 zum arbeitsunfähigen Krüppel gemacht, der der Gesellschaft bis zum Ende seines Lebens finanziell auf der Tasche liegen würde. Das ich auf den Erhalt meiner Erwerbsunfähigkeitsrente nun auch bald sieben Monate warte, sei hier nur am Rande erwähnt. Eigentlich hab ich einem Rot/Roten Senat immer positiv gegenüber gestanden, aber jetzt.


Mit völligem Unverständnis

Ronald Schubert