About me
   Verfasstes
   Internetfamilie
   Fotos
   Friends
   Tiere
   Links
   Guestbook
   Diverse Bilder
Fünf Wochen im Herbst

Anno 1977 war eigentlich eher ein betuliches Jahr. Das Jahr nach der Ausbürgerung des offenbar allzu kritischen Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR Das Jahr in dem Ägypten den ersten Schritt auf Israel zuging und in Spanien endlich der Diktator Franco durch demokratische Wahlen verschwand und sich Dank der KSZE in Helsinki 1975 überall im Ostblock Bürgerrechtsbewegungen bildeten. In Westdeutschland tobte sich die RAF noch mal aus und erschossen Hanns Martin Schleyer, Generalbundesanwalt Buback und den Bankpräsidenten Jürgen Ponto, bevor die Chefs und Häupter der RAF sich in Stuttgart-Stammheim selbst umbrachten.
Für mich ein eher normales Jahr, nur das genau da meine Lehre begann. In Dieser begegnete ich auch einem gewissen Herrn Wachter, der in meiner Berufsschulklasse saß und für die mir damals noch unbekannte Band Rockhaus trommelte. Alles schiksalhafte Begegnungen, von denen ich aber nichts wusste. Nach Arbeit und Berufsschule trieb ich mich mit einer Straßengang herum. Nur, das wir diesen Begriff damals nicht so einzuordnen wussten. Unser bindendes Glied war das allabendliche Ritual des Aufdrehens unserer UKW-Empfänger auf der Straße zum Zwecke des Lauschens von RIAS und SFB, die uns damals mit anständiger Musik versorgten.
In dieser Zeit noch völlig ohne Werbung und jeder Radiomodereator, der es gewagt hätte, bei Deep Purple, Rolling Stones oder Led Zeppelin in auch nur die Musik zu atmen, wäre seines Bannes gewiss gewesen. In der Beziehung konnten wir ostberliner Zuhörer uns auf die Westberliner verlassen, denn für die DDR war der kleine, eingemauerte Flecken Berlin doch tatsächlich Ausland und Post und Telefon entsprechend teuer und umständlich. Der abendliche gemeinsame Musikgenuss hatte dankeiniger, sich belästigt fühlender Anwohner zur Folge, dass uns die herbeigerufene Volkspolizei im Gänsemarsch aufs nächste Revier trieb um zu prüfen ob und wer wir sind.
Volkspolizei sollte mein Stichwort werden an dem Tag, an dem die DDR ihren albernen 28. Geburtstag feierte. Wir, die Straßengang, hörten davon, das die bei uns recht beliebte Ostrockercombo „Karat“ neben dem Fernsehturm auf dem Alexanderplatz spielen sollte und wir da wir durch solcherlei Konzerte weniger verwöhnt wurden, außer die ARD war so mutig, wie Weihnachten 1976 wo sie die Stones tatsächlich live aus Paris übertrugen, sind wir 30 Leute in Richtung Alex getigert, um dort Karat zu erleben.
Nur waren wir tatsächlich nicht die Einzigen, die von dieser musikalischen Idee besessen waren, denn der Alex rund um den Fernsehturm war voll mit Menschen.
Wir standen also recht weit hinten und konnten die Bühne kaum sehen. Kein Verlust, wie sich zeigen sollte, denn in dem Moment, als eigentlich Karat beginnen sollte, vernahmen wir hinten von vorne nur wütendes Geschrei. Den Grund dafür sollten wir bald wissen, denn aus den aufgestellten Lautsprechertürmen kam nicht etwa Karat, sondern nur russisches Gedudel und von entsetzt flüchtenden Langhaarigen hörten wir, das es statt Karat davorne auf der Bühne nur russischen Volkstanz gäbe.
Das war dann auch für den bravsten Ostrocker des Guten zuviel und es wurde heftig gemault und etwas randaliert.
Unsere Matrix, die DDR war noch ziemlich intakt und funktionierte reibungslos. Aus der Meuterei vor der Bühne mit den, nach Balalaikagezirpe zappelnden Russen entwickelte sich eine prächtige Randale und die Hüter der Matrix DDR, die Volkspolizei rückte an und machte das, was die Polizisten dieser Erde offensichtlich am Besten können, sie prügelten drauf los.
Die Angegriffenen wehrten sich natürlich und es entwickelte sich eine heftige Diskussion der militant brachialen Art, mit anderen Worten begann eine Riesenkeilerei, wie sie die DDR seit 1954 nicht gesehen hatte. die in Massen angekarrten Bereitschaftspolizisten erhöhten die Prügelfrequenz noch um ca. das Dreifache, die Angegriffenen vor der Bühne wehrten sich entsprechend und es wurde ungemütlich. Wir, die wir sehr viel weiter hinten standen, machten auf Kultur, setzten uns auf die kalten Steinplatten des Alex, die weiter vorne schon durch die Luft flogen und wir intonierten aus unseren vollen jugendlichen Hälsen John Lennons „Give Peace a Chance“, wie wir es in dem Kultfilm „Blutige Erdbeeren“, der damals sogar kurz in den Kinos der DDR gelaufen ist, gesehen hatten. Dann wurde unser Singen leiser und es folgten Slogans, die erst 19 Jahre später mit Leben erfüllt wurden. Wir forderten die Russen samt ihrem Stadthalter Honecker raus und Biermann dafür wieder rein Nur empfand die Volkspolizei auch singende Jugendliche, die im Kreis auf der Erde hockten und sangen, als eine üble und vor allem antisozialistische Provokation und fing an, auch uns zu verprügeln. Ein paar singende Freunde von mir empfanden das als eher unfreundlichen Akt, standen auf und rissen dann auch Steine aus dem Boden, um damit prügelnde Bullen zu beeindrucken. Ich war nun weniger der Revoluzzer und hatte auch keinen Bock auf die Hartgummiknüppel, denn krank war ich auch damals schon. Auf jeden Fall machte ich mich dann mit einigen anderen zurück auf den Weg nach Hause.
Der ganze Alexanderplatz war mittlerweile beim Prügeln und die Polizei trieb Menschen in die U-Bahn Stationen, um dort näher auf sie einzugehen und ich war ganz froh über meine Entscheidung. Es war der 7. Oktober 1977 und das dicke Ende für mich sollte erst kommen. Es kam am 12. Oktober schon mal dicker, als mich des Morgens die Kriminalpolizei(!) Zuhause festnahm und mir eine Gratistour zum ostberliner Polizeipräsidium in der berüchtigten Keibelstraße spendierte.
Ich sollte schnell wissen, warum es berüchtigt war, denn der Innenteil dieser Beamtenburg bestand aus einem Knast, wie ich ihn vorher nur aus amerikanischen Filmen kannte. Da man mir jungem, langhaarigen Zottelrocker schon von Hause aus antisozialistisches Gewaltpotential erkannt hatte, verschloss man mich sicherheitshalber gleich in eine böse vergitterte Einzelzelle, um mich Stunden später zum Verhör zu holen. Irgendwen anrufen und meine Mutter irrte durch sämtlichen Berliner Krankenhäuser, um ihren Sohn zu finden. As Verhör an sich war ziemlich lustig, weil die Herren von Stasi und Polizei sich ziemlich ernstnahmen, ganz im Gegensatz zu mir. Nur mit 12 Stunden war es mir etwas zu lang. Mein Verbrechen war nämlich ziemlich schnell geklärt, als man mir ein Foto, das mich auf der Erde sitzend und singend zeigte, vor die Nase hielt.
Warum sollte ich leugnen, dass ich gesungen habe? Was meine, mich begleitenden Freunde anging, war ich sowieso von Demenz befallen und wusste von nichts. Ich konnte auch sagen was das war und woher ich das hatte. Noch im selben Jahr verschwand „Blutige Erdbeeren“ aus den Kinos. Ich verschwand wieder in meiner kuscheligen Zelle und schon einen Tag später wurde meine entsetzte Mutter verständigt, nicht, ohne ihr zu sagen, das in der Keibelstraße dienstags Wäschetausch sein, denn man wollte mich da wohl länger bewirten.
Daraus wurde nichts, weil für sämtliche Verbrecher des 7. Oktober Schnellverfahren angeordnet waren. Als mein Verfahren begann und ich bei Gericht in Handschellen wie ein Massenmörder an meiner gerade neuen Berufsschulklasse und mein Eltern vorbeigezerrt wurde, liefen meine Mutter und meine neue Klasse zu Hochform auf. Während Staatsanwalt und Richter gar nicht genug betonen konnten, was für ein absolut fieser Klassenfeind sei, erklärten meine gerade neuen Mitschüler und Mitlehrlinge mich zum vorbildlichen Freund und Kumpel und meine Mutter hatte sogar das Kunststück fertig gebracht und irgendwoher ein so genanntes „Ehrenbuch der Nationalen Front“ aufgetrieben, in dem bezeugt wurde, was für ein überaus hilfreicher Mensch im Umgang mit alten Leuten ich war und wie nützlich bei der Pflege der häuslichen Grünanlagen.
Also alles Sachen, von denen ich absolut nichts wusste, die mir vor Gericht aber recht nützlich waren. Nur meine Berufsschullehrer reagierten wie alle Lehrer vor ihnen, waren dankbar, das ich in der Klemme saß, sie mir es endlich mal zeigen konnten und fällten ein härteres Urteil über mich, als nachher die Richter. Der Lehrer an sich war eben noch nie ein Freund von mir. Das Ganze hatte was von Kabarett, schon weil Richter Staatsanwalt und Lehrer sich so überaus ernst nahmen mit ihrem „sozialistischen“ Gefasel. Das hohe Gericht beschloss am Ende, das ich der „sozialistischen Jugend“ nicht weiter zuzumuten sei und verhängte aufgrund der erkannten verbrecherischen Delikte „Widerstand gegen die Staatsgewalt, „Zusammenrottung“ und „Rowdytum“ eine recht alberne Haftstrafe von fünf Wochen, anzutreten sofort. Da es in der Keibelstraße nur Untersuchungshaft gab, wurde ich in den offiziellen Knast nach Rummelsburg bei Berlin verlegt und dort begann dann eine eher lustige und lehrreiche Zeit, eine Art Urlaub mit Gittern. Ich kam mit 11 anderen fast Gleichaltrigen in eine Zelle, war aber mit 17 der Älteste. Die andere waren 15 und 16 und hatten schon interessante Sachen, wie schwere Körperverletzung und Einbruch in ihre Schulen hinter sich. Also alle mit potentiellen kriminellen Karrieren vor sich. Ich machte den Fehler und nahm bei den vierstöckigen Betten das Oberste und war dann auch prompt jede zweite Nacht ein Opfer von Erdbeben, weil die Jungs unter mir genau das taten, was so Jungs mit 15 und 16 im Bett nunmal machen.
Nächsten Tag hatte ich auch meinen ersten Auslauf auf dem Hof des Gefängnisses und es war interessant, weil dort auch die erwachsenen und echten Verbrecher rumliefen, wo vom Serieneinbrecher bis zum Totschläger eigentlich alles im Kreis herumlief. Ganz wie im Film.
In der Hauptsache waren es aber Menschen, die wegen des reinen DDR-Deliktes „Asozialität“ eingelocht waren, das heißt, sie wollten nicht arbeiten. Im heutigen Deutschland ohne Arbeit völlig undenkbar, denn da wären Millionen eingesperrt, aber damals war das noch so. Obwohl, bei Florida-Rolf und dessen Kumpanen fällt mir diese Variante der intensiven Betreuung gerne mal wieder ein.
Zurück zu 1977. ich saß den fünften Tag damals rechtskräftig verurteilt in Rummelsburg und diese Nacht wurde interessant, denn irgendwann nach Mitternacht holte uns ein barbarisches Schreien aus dem Schlaf. Ich klingelten den Schließer herbei, wie die Justizvollzugsbeamten damals sehr viel treffender hießen, fragte nach, aber der hüllte sich in wissendes Schweigen.
Aufklärung brachte erst der nächste Hofgang, wo uns einige der „harten Jungs“ wissen ließen, das in unserem Nachbarblock nur ein Kinderficker, wie sie es sehr viel passender damals nannten, mit einem Löffel(!) mit einem Löffel kastriert worden sei von seinen Mithäftlingen. „Missbrauch“, so wie es heute heißt, klingt eher danach, als habe man das falsche Putzmittel im Bad verwendet und damit die Kacheln ruiniert.
Ich habe 2000, als ich acht Monate in der REHA war, mit einem Arzt gesprochen, der die JvAs in Berlin Tegel und Moabit betreute und der versicherte mir, das sich an dem Umgang der Inhaftierten mit den Leuten, die sich an Minderjährigen vergehen, noch nicht allzuviel verändert hat. die erwartet, wie im DDR Knast von 1977 ein sehr unfeiner Spießrutenlauf. Wieder zurück zu damals. Ich wurde noch die letzte Haftwoche in das „Jugendhaus Wriezen“ bei Berlin verfrachtet, die ich aber dann auf einer Backe absaß. Ich wurde noch ganze zwei Jahre später zu staatlichen Feiertagen der DDR immer unter irgendeinem abenteuerlichen Vorwand von der Polizei abgeholt und durfte jeden dieser Tage mindestens 10 Stunden in einer Ausnüchterungszelle verbringen, ohne betrunken zu sein. Ich war eben ein gefährlicher Verbrecher!
Was mich irritiert, ist der leichtfertige Umgang junger Menschen mit absolut Fremden. Die mit 14 sehr junge Tochter eines meiner Musiker verabredet sich via Internet und Mail in meinem Büro mit einem absolut fremden 20jährigen und erst mein Einspruch bei ihrem Vater machte dieses gefährliche Date wieder rückgängig. Ich kenne auch ziemlich Erwachsene über 20, die 15järige Jungs im immer wieder mit Wünschen nach Nacktfotos nerven und sowas dann offensichtlich auch noch sammeln. Es ist also ziemlich übles Volk, welches sich in der Anonymität des Internet versteckt und ich halte mich mit meinen staatsgefährdenden und verbrecherischem Tun von 1977 da für weit weniger gefährlich!