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Im Feldlazarett

Ein weiterer Ausflug in das merkelsche Gesundheitswesen

Nachdem nun meine Mittelohrentzündung insgesamt 14 Tage in meinem Kopf gewütet hatte, nahm ich all meinen restlichen Mut zusammen und ließ mich von der besten Mutter von allen wieder in das Feldlazarett chauffieren, welches sich nun als Ärztehaus am Friedrichshain nannte, zu Vivantes gehörte und in dem auch meine Ohrenärztin ihr eigenes Zelt hatte, das sie ihre Praxis nannte.
Der Weg dahin war wie immer, denn auf den Gängen vor den einzelnen Zelten standen jede Menge Feldbetten mit blutenden Körpern. Einige davon waren sogar nur noch Torso ohne Kopf, aber mit Schildern, au denen die Ohrenschmerzen stark betont wurden. Mir wurde angst und bange und ich fragte die Schwester, die mich beruhigen wollte und mir erklärte, das Ohr direkt am Hals ab nur die allerletzte, beste und effizienteste Methode sei, um für Linderung bei starken Ohrenschmerzen zu sorgen und man danach nie wieder Schmerzen in den Ohren hätte.
Ich glaubte ihr das absolut und ging ins Wartezimmer, das mit dem lauschigen Ambiente eines Dixiklos zu verlocken wusste. Lauter Menschen mit schmerzverzerrten Gesichtern, die teilweise schon sechs und mehr Wochen dort campierten, um einen Termin zu bekommen sorgten für optimale Aufheiterung und Ablenkung von meinen Ohrenschmerzen und damit auch mein Rest von Geist etwas zu tun bekommt, lag auf dem Tisch eine aktuelle Zeitung.
Es war die brandaktuelle Ausgebe der „Rheinische Post“ vom 18.06.1815 mit dem Aufmacher über Waterloo, dass Napoleon nun doch von Wellington und den Preußen geschlagen worden sei. Da ja auch 30 000 Deutsche an dieser Schlacht beteiligt waren, griff ich mir die „Rheinische Post“ und begann zu lesen.
Nach nur lächerlichen vier Monaten Wartezeit war dann auch ich endlich dran. Vorbei an den blutenden und schreienden Schmerzpatienten bahnte ich mir einen Weg in das Zelt mit der blutigen Praxis. Die Ärztin war, wie immer nett und freundlich und winkte mir aufmunternd zu und legte für meine Behandlung schon zur Vorbereitung ein paar glühende, medizinische Instrumente in ein brennendes Feuer und schon nahm ich völlig begeistert Platz.
Mit einer glühenden Zange spreizte sie vorsichtig meinen rechten Gehörgang und erklärte mir, dass meine Krankheit da eine chronische sein. Ich konnte gerade noch erwidern, wie sehr ich mir das vorstellen könne, weil ich diese Entzündung ja schon seit 1968 mit mir herumschleppe und dann war ich auf dem rechten Ohr taub, aber in der Zukunft wenigstens schmerzfrei und ich verlor das Bewusstsein, denn noch war der Schmerz bei mir ziemlich präsent.
Als ich wieder aufwachte, roch ich nur etwas Verbranntes, Angesengtes und sah in das freundliche Gesicht meiner Ohrenärztin, die ihre Instrumente mit sterilem Leitungswasser wieder abkühlte. Was das so verbrannt roch, waren meine Haare und wie durch eine Wand und in mono hörte ich ihre Erklärung, dass diese Art der Behandlung wesentlich billiger sei, als die alte mit Medikamenten und damit Bestandteil der letzten Gesundheitsreform. Dann stopfte sie mir fast zärtlich einen Tampon mit kühlender Salbe in das lädierte Ohr.
Dann überzog sie großzügig ihr vorgeschriebenes Budget für Medizin und schickte mich mit einer Menge Rezepten für heilende Salben, Tinkturen nach hause und empfahl mir, mich nächste Woche nochmal für mehrere Monate anzustellen, damit sie einen Blick auf ihr Werk und dessen Heilung werfen könne. Tief beglückt von dieser unschätzbaren Aussicht, watete ich durch das Blut der anderen Kranken in Richtung Ausgang und freute mich schon auf die Therapie bei den Knochenbrechern am Nachmittag, die mir seit Jahren ja auch Heilung bringen soll, wo aber messbare Erfolge auf sich warten lassen. Wie ein Hypochonder aus Leidenschaft latsche ich seit fünf Jahren von einer Behandlung zur anderen und hoffe, dass eine anschlägt. Nur greift die lustige Gesundheitsreform nicht überall so gut, wie die neuen Behandlungen bei meiner Ohrenärztin. Wenn jetzt die Kanzlerin noch eine Gesundheitsreform nachlegt, wird jede Krankheit zu einem Festival für Masochisten und da freue ich mich jetzt schon drauf, beim Feldlazarett vorbeizuschauen und wieder in Blut zu waten und so erfahre ich vielleicht auch, wie das mit Napoleon ausgeht.

Für die, hier leider üblichen anonymen Wut und Belehrungsausbrüche, anonyme Beschimpfungen durch Mutanten, Idioten, also peinlichen Nenschen und Mantelkindern, die Kommentarbereich und Gästebuch nicht trennen können, oder auch nur für Kommentare, bitte hier klicken!