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Im Zirkus



Aus gegebenem Anlass, also dem Tod von Oleg Popow habe ich mir einen alten Text über das Leben im Zirkus genommen, etwas aufgepeppt und auf meiner HP neu eingestellt.
Seit einigen Jahren fällt den Privatsendern bei ihrer Programmgestaltung so wenig ein, dass sie den Alltag der Deutschen verfilmen und diesen Schrott dann auch noch senden, um die Lücken zwischen den Werbeblöcken wenigstes etwas zu füllen.
Hostessen, die auf der Straße an Falschparker Knöllchen verteilen, Bäcker die ihren Backofen heizen und ähnlich spannende Dinge und Situationen aus dem Alltag der Deutschen, die eigentlich keinen Fernsehzuschauer ernsthaft interessieren, denn Alltag haben sie auch ohne das Fernsehen ja ziemlich reichlich.
Das war aber noch nicht das Ende der Talfahrt des deutschen Fernsehens, denn danach übernahm man aus den USA das strunzdumme Format der Scripted Reality, an dem nun gar nichts mehr echt war und Schauspieler durch sprechende Kleiderständer ersetzt wurden.
Nun aber weiter mit dem 20 Jahre alten Text:
Als ich gestern gegen Mittag aufwachte und durch die Kanäle zappte, um entweder begeistert aufzuwachen oder wieder gelangweilt einzuschlafen, landete ich auf RTL II und bei der ziemlich öden Reality Seife „Frauentausch“, wo stinknormal deutsche Familien für ein paar Tage die Mutter und Hausfrau tauschen, wenn sie denn als Frauen durchgehen und nicht gerade einen Ortsverein der AfD leiten.
Nicht etwa, damit Papa neue Erfahrungen im Bett und beim Sex machen kann, sondern politisch korrekt, wie das Fernsehen heute nun mal ist, geht es da nur ums Kochen, Waschen, Putzen und die Kinder hüten.
Also nichts, was ich mir im Normalfall antun würde.
Nur diesmal war es etwas anders, denn die eine Hausfrau war gleichzeitig auch Direktorin eines kleinen Zirkus und Mutter von acht Kindern, die gleichzeitig auch Artisten waren und das weckte in mir eine sehr schöne Erinnerung.
Vor fast genau 30 Jahren lief am Friedrichstadtpalast eine Zirkusrevue und dazu wurden junge Artistenschüler vom Staatszirkus engagiert, weil die billiger waren und trotzdem was konnten und es gehörte damals zu meinen Aufgaben, diese muntere Rasselbande hinter der Bühne zu kümmern, da ich mit 26 noch entsprechend jung war und ich im Orchester gerade nicht viel zu tun hatte, denn die Revue war ja fertig und das Orchester hatte sie drauf und es gab ja damals noch zwei andere Leute im Orchesterbüro.
Also kümmerte ich mich und lernte so ein paar interessante junge Leute kennen, darunter auch Klaus, der heute in Italien lebt und da eine Familie hat.
Außer Klaus war da noch eine hübsche junge Äquilibristin, in die ich mich prompt verknallte.
Für die Zeit, die der Staatszirkus sie für die Vorstellungen in der Revue abgestellt hatte, zog sie dann auch zu mir in die Wohnung und wir hatten eine sehr schöne Zeit.
Danach wurde sie von ihrer Artistenschule nach bestandener Prüfung direkt zum Zirkus Berolina geschickt, wo sie mit ihrer Truppe dann eigene Auftritte hatte und ich nahm mir erst mal eine Woche Urlaub und zog mit.
Der stand günstigerweise in einem Vorort von Berlin und so konnte ich mich dann sehr zum Entsetzen ihrer Zwillingsschwester, die in dem schmalen Doppelstockbett zu Recht das Schlimmste befürchtete und deren Freund nicht kam, mit in deren Zirkuswagen breitmachen.
Da schloss sich dann der Kreis zu der Sendung gestern auf RTL II, denn die Hausfrau und Mutter aus dem Berliner Vorort, die eine wilde Zirkusfamilie betreuen sollte und nach nur sieben Tagen aufgab, weil sie mit den Kindern nicht klar kam und zum Duschen über den Zirkusplatz musste.
Ich für meinen Teil hab mich am Zirkus so wohl gefühlt, dass da blieb, als mein Urlaub vorbei war und jeden Tag mit der S-Bahn zu meiner Arbeit ins Theater fuhr.
Damals war ich jung, beweglich und mobil und außerdem war es Sommer. Das Zirkusleben war schön und sehr unterhaltsam. Wenn ich die Zeit hatte, gab ich mir im Sattelgang auch die Zirkusvorstellungen und vor allem die heftigen Partys danach, wo immer etwas Prominenz aus der Kulturszene der DDR zugegen war, weil der Schlagersänger Jürgen Walter sich nebenbei im Zirkus ein paar Mark als Clown gegeben hatte.
So lernte ich wieder ein paar Leute kennen und hab auf vielen Aftershowpartys auch viel getrunken, denn damals konnte ich das noch. Nach sechs Wochen zog der Zirkus dann weiter und ging auf Tournee. Dort haben die Zwillinge Steffi und Anke dann ihre Männer fürs Leben gefunden und anders als bei Klaus, hab ich nie wieder was von ihnen gehört. Der Zirkus wurde nach Wende und Einheit privatisiert und es ging abwärts und der Zirkus Berolina verlor nicht nur viele markanten Artisten, sondern auch seinen Charme und ich wurde einfach alt und reiste im Urlaub in fernere Ecken der Welt.
Für mich war die Zeit als Gast beim Zirkus ein Abenteuer, das ich nicht missen möchte und das mich geprägt hat. Damals ging ich auf die 30 zu, kannte Computer und Internet nur vom Hörensagen meiner Freunde in Westberlin und konnte so auch da halbwegs beisammen abstürzen.
Das ist nun alles so lange her und außer zu Klaus habe ich jeden Kontakt verloren. Von Steffi hörte ich, sie hat mit mittlerweile auch schon 47 Jahren erwachsene Kinder und da ist es mit der Artistik und dem Zirkus ohnehin vorbei. Mein kurzes Leben im Zirkus ist bei mir auch nur schöne Erinnerung und ein Teil meiner recht bewegten Jugend...

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