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In der Falle

Ein kleiner Tatsachenbericht aus dem Herzen des deutschen Gesundheitssystems in Berlin

Eines vorneweg. Seit ich nach meinem Schlaganfall fast das ganze Jahr 2000 in Kliniken und Krankenhäusern verbrachte, habe ich eine ziemlich ausgeprägte Aversion gegen solche Einrichtungen, wenn ich sie auch noch als Patient nutzen soll. So ausgeprägt, dass man sie Phobie nennen konnte.
Als mich nun nach der Reise der Fluch der Pharaonen heimsuchte, dachte ich mir erst, das würde sich von selbst legen. Nur was sich dann legte, war zuerst mein Glaube daran, denn am Wochenende fiel mir ziemlich hartnäckig auch noch das Essen aus dem Gesicht. Ich hätte ja sofort einen Notarzt rufen können, aber bei dem wusste ich, dass er mir zur weiteren Diagnostik mit einem Krankenhaus auf den Pelz rücken würde und dem wollte ich ja unbedingt und auf jeden Fall entgehen. Also setzte ich auf das Prinzip Hausarzt, mit dem ich in meiner lange verblichenen Jugend sehr gute Erfahrungen gemacht habe. Als ich 10 war, kam ich zu einem Dr. Thurow, ein Baum von einem Mann, der war ein so begabter Hausarzt, dass er mir nur tief in die Augen blicken musste, mir die Hand gab und sofort wusste, welches Zipperlein ich hatte, oder sonst von ihm wollte. Mit einem Blick konnte Dr. Thurow erfassen, ob ich einen Schnupfen, Hepatitis C, ein gebrochenes oder gezerrtes Bein hatte oder einfach nur eine Woche frei brauchte.
Dr. Thurow war noch das Muster von einem Hausarzt.
Nur verstarb dieser Hüne Anfang der achtziger Jahre unvorsichtigerweise mit 47 an einem Herzanfall, den er selbst wohl glatt übersehen hatte und seine Nachfolgerin, eine liebe und herzensgute Frau, die seither meine Hausärztin ist, ist zwar eine nette und kompetente Ärztin, aber äußeren Zwängen unterlegen, die erst Recht gelten, seit sie als Ärztin den nach westdeutschen Maßstäben und Vorschriften unterlegen ist. Nur genau das hatte ich vergessen, als ich an das „Prinzip Hausarzt“ dachte.
So kam sie also voller Energie in meine Wohnung und setzte mit kurzen und gezielten Karateschlägen zur Untersuchung meines Bauches an, was sie aber mutig als „Abtasten“ bezeichnete. Als ihre kleinen Karateübungen dann Wirkung zeigten und ich echte Schmerzen hatte, murmelte sie etwas von einem sehschwachen Darm, den sie Blinddarm nannte und sagte dann den bösen Satz. „Zur weiteren Diagnose müssen sie ins Krankenhaus“.
Da war ich das erste Mal bedient, aber machte noch gute Mine zum bösen Spiel und ließ mich via Krankentransport in das Krankenhaus Fröbelstraße bringen. Dieses Krankenhaus hieß seit der Privatisierung nach der Einheit zwar Vivantes, aber aus Erfahrung wusste ich, dass Namen an sich nur Schall und Rauch sind und sich dahinter noch immer nur ein Krankenhaus der Kategorie Ost verbarg. Ich sollte leider Recht behalten, denn das Krankenhaus war zwar frisch gemalert, aber der Grundriss war derselbe und die Zimmer dort hatten keine WC’s, sondern die gab es nur zwei Gänge weiter, also praktisch über den Hof.
Nichts, was zum Verweilen überhaupt einlud, aber es sollte noch heftiger kommen. Die Prozedere des Einloggens in die Klinik hatte es schon in sich und sprach Bände. Lange bevor ich einen echten Arzt zu Gesicht bekam, kam eine echte Schwester, rammte mir einen Generalzugang zu meinem Kreislauf, eine so genannte Braunüle in den Handrücken meiner letzten, funktionierenden Hand und kennzeichnete mich damit als das Eigentum des Krankenhauses. Genauso, wie man es früher mit dem Nasenring bei Tanzbären und der Fußfessel bei den Sklaven gemacht hat. Eine OP schien also nicht nur festzustehen, sondern ich war damit völlig ausgeliefert. Der Arzt, der dann kam, grinste mich nur höhnisch an und murmelte etwas von gerontologischer Station und das ich da kurz bleiben müsse. Ein „nur kurz bleiben müssen“ aus dem Mund eines Arztes weckte schon immer tiefes Misstrauen in mir und ich schrieb die nächsten Monate schon einmal als im Krankenhaus lungern müssend, ab. Nur hatte Vivantes noch mehr am Lager. Gastrologische und geriatrische Station schienen hier ein Ding zu sein, denn in dem Zimmer, in das ich geschoben wurde, lag ein ziemlich alter Mann in einer riesigen Windel, der mich erst nicht wahrnahm und dann mit einem gläsernen Blick, aber völlig abwesend, fixierte. Er machte den Eindruck, als wolle er diese Welt in jeder Sekunde verlassen und nur ein undurchsichtiges, aber weibliches Wesen, welches ihn wie ein Satellit umkreiste, deutete darauf hin, dass dieser Mann tatsächlich noch am Leben war. Das alte Gesicht kam mir sogar irgendwie bekannt vor. Entweder von einem restauriertem Ausweis aus der Kreidezeit, einem Bild vom ersten Kreuzzug, oder meinen eigenen Ausgrabungen 1987 in Transsylvanien.
Auf jeden Fall kannte ich dieses böse Gesicht woher. Der Rest des Zimmers war ähnlich einladend und hatte in jeder Ecke noch etwas Hartnäckiges von Osten.
An der Wand hing zwar ein Fernseher, aber der war von RFT, einer Marke, die in der DDR hoch geschätzt wurde, weil es schlicht die Einzige aus der DDR war, aber dieser Fernseher trug in etwa genauso viel zu meiner Unterhaltung bei, wie die verblichene DDR selbst, denn er funktionierte nicht, weil die Fernbedienung kaputt oder weg war, denn so richtig einigen konnten sich die Schwestern dabei nicht.
Deprimiert legte ich mich auf mein Bett und ließ das Böse auf mich wirken, denn draußen war es noch taghell, so gegen 18:30 Uhr und die Schwestern drohten mir schon Abendbrot und zu Bett gehen an. Ich, der sonst gegen 06:30 Uhr morgens erst ins Bett zum Schlafen findet, sollte jetzt zu einer Zeit für Kindergartenkinder in die Waagerechte und meine Zeit abdösen und sogar völlig ohne Sandmann oder Sesamstraße!
Logisch, dass ich protestierte, aber irgendwie führte das zu nichts, da ich der einzig aktiv Lebende im Zimmer war und das undefinierbare Grunzen des alten Mannes nicht unbedingt Wertvolles zum Thema beitrug, sondern lieber noch neun bis drei Löcher zum Thema in die Decke stierte. In völliger Ermanglung anderer Themen starrte ich dagegen aus dem Fenster, denn was ich auf dem Nachbarbett sah, tötete jeden Wunsch in mir, nun tatsächlich doch noch sehr viel älter zu werden, als ich es ohnehin schon bin. Ein faltiger, alter Rücken, voll mit weißen und langen Haaren ist nicht unbedingt dass, was meinen, ohnehin schon versauten Körper in etwa 50 Jahren „zieren“ sollte.
Am Besten sollte mich in dem Alter gar nichts mehr zieren und ich in der Urne, oder sonstwie unter der Erde liegen.
Deutschland ist nicht mehr das Land, in dem man in Würde alt werden kann. Dann sagte mir eine Schwester, dass diese Klinik über ein Relikt aus einer anderen Zeit verfügen würde. Es gäbe allen Ernstes ein Raucherzimmer!
Tödlich gelangweilt und voller innerer Verzweiflung bin ich dann, mit Zigaretten und Feuerzeug bewaffnet hin. Nur was ich dort dann sah, dass war, wie ich, der Bodensatz der deutschen Gesellschaft, chronisch kranke Raucher, die im eigenen Nebel saßen! Um ein Haar hätte ich mit dem Rauchen aufgehört, aber dann dachte ich an das Elend in meinem Krankenzimmer und schon zündete ich mir eine an. Dann musste ich dem Gejammer entkommen und holte mir in der Station eine starke Schlaftablette, die mich bis zum nächsten Morgen in ein tiefes Koma verfrachten sollte, aber irgendetwas ging da wohl schief und die Nebenwirkungen bescherten mir ungeahnte und recht unerwünschte Wahrnehmungen.
So wachte ich gegen Mitternacht auf und sah doch tatsächlich bei dem alten Mann im Mund lange weiße Zähne wachsen, obwohl seine Dritten im Glas auf dem Nachttisch blubberten. Dann sah ich ihn im dritten Stock aus dem Fenster springen und davonfliegen. Also entweder war die Schlaftablette zu stark, ich seh die falschen Filme oder ich verlor meinen Rest von Verstand.
Obwohl das seine Ähnlichkeit auf dem Bild aus Transsylvanien erklären würde, entschied ich mich für das Erste und schlief erst einmal weiter. Am nächsten Morgen kam nach Schwestern und Ärzten, die ich alle heftig mit meinem Heimweh nervte, die erste richtige Untersuchung mit Ultraschall und die war ohne Überraschung für mich dann auch OB, also ohne Befund.
Ja aber bitte, „der Blinddarm“, was für ein Rotz.
Bine hatte mich in Ägypten eine Woche lang so vegetarisch mit frischem Obst und Gemüse verwöhnt, da ist es ein völliges Wunder, dass mein Stoffwechsel nicht einfach ganz auf Photosynthese umgeschaltet hat und ich überhaupt etwas verdaut habe.
Das ging dann alles etwas schneller und gelegentlich auch aus der falschen Öffnung wieder raus. Das ist das Risiko für einen Fleischvertilger wie mich, wenn er den vorderen Orient besucht, aber doch bitte kein blindes Gedärm. Sofort konfrontierte ich den Stationsarzt mit dieser neuen Erkenntnis und forderte umgehend und unsanft meine Entlassung aus dieser Folterkammer. Dann nervte ich via Telefon die zuständige Welt, auf das ich abgeholt werden könne. In ein Krankenhaus gehe ich freiwillig erst wieder zurück, um dort nach meinem Tod durch eine Obduktion meine Todesursache klären zu lassen.
Nur bis dahin dürfen noch ein bis einundvierzig Tage vergehen, denn ich habe noch viel vor auf dieser Welt und in diesem zweiten Leben. Die Welt, die entdeckt werden will, ist noch groß und mein Leben Dämlicherweise noch ziemlich lang. Mal sehen, was man daraus noch machen kann und ich bin mir sicher, dass Bine einige interessante Ecken der Welt noch besuchen möchte und da kann ich mich weder von maroden Krankenhäusern, noch von steinalten Patienten, die vom Alter her auch Graf Dracula sein könnten, vom Weg abringen lassen!
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