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Max und die Subkultur

4. Tag abends, Kulturprogramm „Die Siebziger“

Ich hab mich immer gefragt, warum Kinder wie Max, also ab 12 und dann die Jugendlichen ab 15 die Musik meiner Zeit, also die der siebziger Jahre als so grottenschlecht und als völlige Subkultur empfinden.
Nun habe ich die Antwort auf meine Frage; es sind die Kulturprogramme überall, wie auch auf diesem Schiff, alles verheizt, was den Menschen akustisch bekannt vorkommt und dann das Etikett „Siebziger Jahre“ raufpappt.
Wie auch in dieser Show heute. Ich bin ja schon sehr skeptisch hingegangen, weil ich so was ahnte und richtig, schon von weitem hörte ich eine Art Band „Rock around The Clock“ von Bill Healey intonieren. Wir erinnern uns vage, „Show der Siebziger“ und „Rock around The Clock“ ist ziemlich eindeutig in den Jahren um 1955 entstanden und zum Hit geworden. „Kann ja mal passieren“, dachte ich mir. Dann kam es hemmungslos.
Vier Gestalten kamen auf die kleine Bühne, die aussahen und sangen, als wären sie die Nachgeburt von ABBA. Irgendein halbwegs intelligenter Maskenbildner hatte doch messerscharf einen Zusammenhang zwischen Afrolook, langen Haaren und siebziger Jahren erkannt und so kam ein Sänger und Conferencier von Ende 50 dazu, der genau das auf dem Kopf hatte, was sich Tina Turner zur selben Zeit, also 1970, unter den Armen abrasiert hatte. Der Mann begann dann auch artig und zu der Zeit passend, mit einem lauten „PEACE“ und den Fingern als Viktoryzeichen die erste Reihe standesgemäß anzubrüllen, wie es damals halt so üblich war, wie er glaubte. Weiter verkündete er nichts weniger, als die „freie Liebe“, was ich bei einem Publikum im Durchschnittsalter von 69 schon ziemlich gewagt fand. Nur anstatt sich die Stützstrümpfe runter zu reißen und die Bühne zu stürmen und das reife Sängerlein, wie gewünscht, zu vergewaltigen, blieben die alten Leutchen einfach sitzen und erwarteten das Programm der versprochenen siebziger Jahre. Ich übrigens auch.
Dann begannen die Hits mit etwas sehr Merkwürdigem, mit „Habana Gila“, einem jüdischen Volkstanz. Das passte natürlich, wie Fußpilz auf eine Speisekarte. Man näherte sich den Siebzigern dann von der anderen Seite und versuchte es mit dem Musical „Hair“ von 1967 und hätte es fast getroffen, wenn da ein Singezahn nicht Marylin Monroe hinzugedacht hätte, die ja auch aus den Fünfzigern und in den Siebzigern schon ziemlich tot war. Dann verirrten sich ein bis drei Discohits, die tatsächlich aus der gewünschten Zeit stammten. Kann nicht sein, hat sich wohl ein Choreograph gedacht und ließ eine kleine Tanzformation doch allen Ernstes einen Charleston von 1930 hüpfen. Die alten Leute waren natürlich begeistert, ich entsetzt und der kleine Max noch so gut drauf, um das Grottige lustig zu finden. Mich entsetzte noch was anderes, denn ich habe in einem der Tänzer doch tatsächlich einen ehemaligen Tänzer aus der, vor 10 Jahren geschlossenen „Kleinen Revue“ des Friedrichstadtpalasts wieder erkannt, aber er zum Glück nicht mich, denn das wäre eine zu peinliche Begegnung für ihn geworden. Vom „1. Haus Europas für Variete und Revue, dem Friedrichstadtpalast“, auf das vorletzte Schiff des Mittelmeeres als tanzender Clown, da hätte wir wenig Gesprächstoff gehabt. Auch oder gerade wegen der Tanzgruppe, die sich trotz des erfahren Tänzers eher wie die Augsburger Puppenkiste auf Speed gaben, ging das Programm in voller Härte weiter und es kam ein sehr früher Elvis in die Siebziger. Abgesehen davon, das auch Elvis 1977 wenig ruhmreich an Überfettung gestorben war, ging das in Ordnung. Nur als dann noch Makarena und ein anderer Titel von 1999 nachgereicht wurden, hatte ich Blase und Nase voll und ging auf die Toilette und in meine Kabine. Morgen soll Barcelona mit Landgang drohen, aber noch bin ich mir meiner Füße dafür nicht sehr sicher. Nur Max war hin und weg von den zappelnden Leuten in den bunten Kostümen auf der Bühne und hat diese ganz speziellen „Siebziger“ ohne Probleme verdaut. Wenn er in ein paar Jahren in der Pubertät steckt, könnte es Folgeschäden geben und er dann, schon aus Protest, HipHop oder Techno hören wollen, oder er driftet völlig ab und hört dann Volksmusik. Alles nur wegen einer versauten „Siebziger Jahre Show“.
Wenn überhaupt etwas die Musikkultur des Abendlands bedroht, dann sicher nicht die jeweils aktuelle Musik der Jugend, sondern solche „Kulturprogramme“, in denen alle Musikrichtungen zu einem gefällig klingendem, aber sonst ziemlich sinnlosem Brei verrührt werden.