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Mein 1989 und der Fall der Mauer

Ich schreibe das hier auf für die sehr jungen Freunde aus dem Westen, ddie jetzt um die 20 sind und dieses Jahr unmöglich bewusst mitbekommen haben können und nun Näheres zum 15. Jahrestag des Mauerfalls erfahren sollen! Mein 1989 begann ziemlich unspektakulär mit einem Kater. Ich hatte mit Freunden oder Kollegen, genau weiß ich das nicht mehr, Silvester gefeiert und Berlin wurde von Silvester wieder völlig überrascht, es gab keine Taxen und ich musste nach Hause laufen.
Soweit also nichts Ungewöhnliches, denn diese Überraschung bekommt die Hauptstadt noch Heute jedes Jahr aufs neue. Der Januarurlaub im Theater zog sich hin und ging zu Ende und jede Menge Theaterproben winkten, da im März eine neue Revue anlief. Also alles wie immer. Überstunden im Studio in Massen. Von den Veränderungen des Herbstes war noch absolut nichts zu merken. Das änderte sich erst mit der Frühjahrsmesse in Leipzig. Plötzlich war in der Tagesschau was von kleineren Demos da zu hören. Das Fernsehen der DDR schwieg dazu wie immer und „Sudelede“ Karl Eduard von Schnitzler, der im „schwarzen Kanal“ im ersten DDR Fernsehen jeden Montag nach dem Spielfilm dem verblüfften Zuschauer erklärte, welche Lügengebilde er im bösen „Westfernsehen“ aufgetischt wurden und das die Westdeutsche Arbeiterklasse verelendet und eigentlich immer kurz vorm Verrecken war, tat auch diese Nachricht der Tagesschau mit dem Hinweis auf übelsten Klassenkampf ab. „der schwarze Kanal“ war gedacht für die unsicheren Bürger der DDR, die das Pech hatten vom bösartigen Westfernsehen und insbesondere dessen Werbung täglich aus Neue gedemütigt zu werden im Angesicht des Mangels an Allem, der ja in der DDR herrschte. Nur verfehlt hatte er seine Wirkung aber auch völlig, denn die, die von der „Stärke“ und „Überlegenheit“ des Sozialismus, wie das Gesellschafts- und Wirtschaftswunderwerk der DDR sich recht mutig nannte aber auch völlig. Denn Diejenigen, die davon überzeugt waren, wohnten ohnehin alle außerhalb des Sendebereichs der westlichen Medien, in Sachsen und auf dem flachen Land in den Bezirken Schwerin und Rostock, die heute unter Mecklenburg Vorpommern firmieren.

Wir in Berlin konnten über derartige Bemühungen der SED nur lachen und meine Kollegen und ich waren ohnehin mit der neuen Revue zu beschäftigt, als das noch ernst nehmen zu können. Ernst nahmen wir das alles erst, als in den Theaterferien im Sommer plötzlich die westlichen Medien voll davon waren, das tausende Bürger der DDR in den westdeutschen Botschaften in Budapest und Prag um Einreise in die BRD ersucht haben. Ein bis dahin ungeheuerlicher Vorgang, aber der Wechsel von Deutschland Ost nach Deutschland West dauerte für gewöhnlich Jahre und war mit massig Repressalien verbunden.
Ich selbst war gesundheitsmäßig Rentner und als solcher hatte ich einen Pass, der mich priveligierte. Ich konnte also ohne Kugel im Rücken nach Westberlin, um dort die Stones, Neil Young oder Westernhagen zu sehen. Zurück zum Jahr. Zur selben Zeit, wo in Prag und Budapest die Botschaften besetzt wurden, traf sich friedlich eine Handvoll Leute in der Nicolai-Kirche in Leipzig, die erstmal nichts weiter als Veränderungen in der DDR wollten. Bescheiden, wenn man denkt, was daraus wurde. Diese Leute gingen mit ihren Forderungen, die es plötzlich wurden auf die Straße und demonstrierten. Ich für meinen Teil war in der Gethsemane Kirche, als sie von der Volkspolizei und der Stasi umstellt war, aber das war’s auch schon für mich. Revolutionäre Energie habe ich ja 1977 schon genug gezeigt.
Das Fernsehen der DDR wusste immer noch von nichts und der böse Feind aus dem Westen hielt die Kamera drauf. Mir persönlich wurde nur mulmig, als ich das sah, denn ich hatte 12 Jahre vorher, mit 17, meine erste Demo gleich mit Knast und so hochinteressanten Vorwürfen bei Gericht, wie „Zusammenrottung, „Widerstand gegen die Staatsgewalt“ und „Rowdytum“ bezahlt habe und wurde danach jeden Feiertag unter irgendeinem Vorwand aus dem Verkehr gezogen, d.h. ich musste diese Tage über acht Stunden mit den abenteuerlichsten Beschuldigungen auf irgendeiner Polizeiwache verbringen.
Da ich ja krank war, wurde meine Mutter regelmäßig wahnsinnig vor Angst und telefonierte die Berliner Krankenhäuser ab. Sie hatte also auch jeden Grund zur Wut auf SED und deren willige Blockparteien, wo ich einige Gesichter heute noch in irgendwelchen Ämtern und Funktionen sehe. Der Sommer ging also rum, die Botschatftsbesetzer durften ausreisen und der Funke sprang aus Leipzig über nach Berlin. Da ich von Demo u. ä. irgendwie die Nase voll hatte, machte ich das Gleiche, wie am Beginn des Ganzen die Leipziger und begab mich unter das relativ schützende Dach der Kirche.
Bei mir war es die Gethsemanekirche und die war so richtig voll. Meist voller Stasi, wie sich dann später herausstellte. Bis am 7. Oktober Michel Gorbatschow in Berlin zu Gast war, die jetzt historischen Worte sprach: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, die Honecker nicht begriff, er dann von der SED kurzerhand durch Krenz ersetzt wurde, aber es war zu spät und sich dann die wirkliche Wende anbahnte. Aus dem schönen und klarstellende Ruf in Leipzig „Wir sind _das_ Volk“ hatte die West-CDU, die sich schon im Wahlkampf sah, kurzerhand ein „Wir sind _ein_ Volk“ gefummelt und diesmal hätte „Sudelede“ sogar recht gehabt, was die Einmischung anging, hätte es ihn und seine Sendung noch gegeben.
Kohl liefen im Westen die Wähler davon und bei den Umfragen sah er so blass aus, wie Schröder heute. Da kamen ihm eine sterbende DDR, eine Wiedervereinigung gerade recht. Nur soweit war es noch nicht. Erstmal kam am 4.11. die größte Demo, die der Alexanderplatz je gesehen hat. Organisiert von den aufgewachten Berliner Theatern, also auch von uns.
Nur unser Intendant, ein Sachse aus dem Tal der Ahnungslosen, aus Dresden, hatte irgendwelche Zweifel. Nur interessierten die so ziemlich keinen und auch mein Friedrichstadtpalast war dann bei. Fünf Tage später hatte ich eine Art Mitteldienst und Mutter saß mit ihrem Mann in der Vorstellung. Ich hatte die Tagesschau zu laufen und wollte nicht glauben, was ich da sah. Wolfgang Schabowski, seines Zeichens der Parteisekretär von Berlin verkündete allen Ernstes, das die Grenzen nach Westberlin und Westdeutschland „ab sofort“ geöffnet sind für jeden Bürger der DDR.

Die ließen sich nicht lange bitten und trabten los in Richtung des nächstgelegenen Grenzübergangs. Nun saßen meine Eltern aber im Theater. Ich stellte ne Flasche Sekt kalt und wartete, bis der Trabant meiner Eltern vor ihrem Haus ankam, rief sie an und bat sie zu mir. Meine Mutter kam auch sofort, während mein nichts ahnender und in solchen Fällen auch sehr alter Stiefvater lieber Zuhause blieb und es vorzog, sich nach der dreckigen Anstrengung eines Theaterbesuchs erstmal kräftig zu waschen. In dieser Hinsicht hatte der Mann einfach ne Macke.
Mutter fragte was denn los sei und ich weihte sie ein. Wie jeder Erwachsene sah sie im Fernsehen voller Unglauben die unglaublichen Bilder. Die Mauer, die Ostberlin Jahrzehntelang eingeengt hat, war plötzlich ein albernes Nichts und trennte Niemanden mehr. Nun ist sie eine Frau der Tat und 15 Minuten später standen wir mit tausend anderen Autos an einem Grenzübergang und noch zwei Stunden später stand Mutters Trabant dann auf dem Kurfürstendamm! Wir selbst gingen in eine Fußballkneipe am Zoo und da war, wie in jeder Kneipe Westberlins an diesem 9. November freier Ausschank Mutter musste ja fahren, also langte ich zu.
Hätte kohl die Gunst dieser Stunde genutzt und den Solidaritätszuschlag eingeführt, hätte ihm das keiner verübelt, aber der Herr musste ja am Rathaus Schöneberg mit anderen Politikern die Deutschlandhymne krächzen! Zum ersten Mal in der Geschichte hat sich ein deutsches Volk unblutig aus einer Diktatur befreit und ich war dabei! :-)