About me
   Verfasstes
   Internetfamilie
   Fotos
   Friends
   Tiere
   Links
   Guestbook
   Diverse Bilder
Mein alter Jugendclub

Bei meinen Weihnachtseinkäufen für Weihnachten 2005 kam ich heute nach sehr langer Zeit mal wieder an meinem Jugendclub vorbei, in dem ich von 1982 bis 84 zum ersten Mal in meinem Leben ein Chef gewesen bin und es zerriss mir das Herz, denn es war eine völlige Ruine.
Ich hatte 1982 mit 22 zwar gerade ausgelernt und war viel mit meiner Band bis 1982 unterwegs gewesen, aber eine bezahlte Arbeit für einen so jungen Rentner war auch in der DDR nicht zu haben und so verbrachte ich meine viele Zeit nach meiner kurzen Karriere als Bandgründer, Manager, Techniker und auch Musiker trieb ich mich ohne eine bezahlte Arbeit zu haben, in einem kleinen Jugendclub in meiner Gegend herum.
In der DDR wusste man nichts über anständigen Konsum, aber man wusste, wie man die Jugend von der Straße holt.
Mit zahllosen Jugendclubs zum Beispiel, wo man den ganzen Tag mit anderen jungen Menschen Tischtennis, Schach oder alles andere spielen konnte, was man mit Freunden eben so spielte. Aufs Wochenende verteilt gab es normalerweise drei verschiedene Arten von Discos in diesen Jugendclubs.
Es gab die P 16 am Freitag, die P18 am Samstag und die P12 am Sonntag, also Disco für die Jüngsten.
Internet gab es keines und so hat es auch keiner vermisst, weil man sich ja sowieso sehr real getroffen hat. Ich war nun täglich in einem solchen Jugendclub und fühlte mich auch sehr wohl.
Mit meinen gerade 22 war galt ich als einer der Älteren, aber ich freundete mich mit den Leuten dort an. Mit den anderen Besuchern und mit den Betreibern und der Ordnungsgruppe, ohne die dort eigentlich gar nichts ging.
Ich hing mich an die Ordnungsgruppe, die von ihren Trinkgeldern, die sie am Eingang, an der Garderobe und vor allem an der Bar so eingenommen hatte, noch kleinere extra Partys gefeiert hat und sogar Weihnachtsfeiern für Jugendliche ausrichtete, die nicht zuhause bei den Eltern hocken wollten und das waren schon damals sehr viele.
Es gab zwar auch einen, von der Partei bezahlten Chef des Clubs, aber der war eher das Aushängeschild der Partei und eine Marionette.
Das eigentliche Sagen lag nach wie vor nur bei der Ordnungsgruppe. Da fügte es sich, dass der Chef dieser Ordnungsgruppe zu einer Party bei der NVA geladen wurde, die 18 Monate dauern würde und die man nur sehr bedingt absagen konnte.
Das war dann eigentlich das erste und einzige Mal, dass ich scharf auf einen Posten war, denn als Chef der Ordnungsgruppe konnte man nicht nur ansagen, welche Musik auf den Discos laufen sollte, wer Einlass, wer die Garderobe und wer vor allem die Bar machen darf, die wegen der Trinkgelder sehr beliebt war.
Diese Ordnungsgruppe bestand aus Freiwilligen im Alter von 17 bis 25 und damit fast doppelt so alt, wie das jüngste Publikum und jeden Samstag, nach der P 18 wurde noch derbe gefeiert. Manchmal, wenn der gemietete DJ ausgefallen war und ich zur Freude des schon erwachsenen Publikums am Samstag meine privaten Platten aufgelegt hatte und alle so richtig gut in Stimmung waren, zog die halbe Ordnungsgruppe noch mit zu mir, denn ich war einer der Wenigen, der damals schon eine eigene Wohnung hatte und bei mir ging es dann erst richtig rund.
Wenn ich es bis dahin noch nicht gekonnt habe, in der Zeit lernte ich das Feiern und den verschärften Umgang mit Alkohol. Es gab auch hübschen und willige Mädchen in der Ordnungsgruppe, wobei aber die Willigen nicht unbedingt auch immer die Hübschen waren und für diese Fälle gab es den Alkohol, aber das nur am Rande.
Dann kam der entscheidende Sommer 1984 und mit ihm ein neuer Chef von der Partei. Der wollte alles anders und alles besser machen und war politisch ein ganz harter Hund. Pfiffig war er obendrein, denn als erstes fiel ihm auf, dass ich ja Rentner war, einen Pass hatte, mit dem ich nach Westberlin durfte und somit ja „Kontakt mit dem Klassenfeind"“ hatte. Das konnte ich zwar schon seit 1981 und es hat keinen interessiert, aber plötzlich war es ein Problem.
So tauchten eines Tages auch ein Parteisekretär der SED mit zwei Leuten von der Stasi auf, nur um mich aus meinem Jugendclub zu werfen. Was dann aber passierte, werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Man rief eine Versammlung aller Beteiligten, also auch die Ordnungsgruppe ein, um sie von meinem Rauswurf in Kenntnis zu setzen, wie man glaubte, dass es passiert.
Nur so einfach wollte die Ordnungsgruppe, meine Ordnungsgruppe, den Beschluss der Partei dann doch nicht schlucken. Einer nach dem anderen stand auf, zerriss seinen Clubausweis und sagte den Parteimännlein wörtlich: „Wenn ihr Schubi nicht braucht, dann braucht ihr mich ja auch nicht!“. So verließen 15 Menschen den Club nur wegen mir!
Das war Freundschaft und gelebte Zivilcourage, wie ich sie danach nie wieder erlebt habe. Da die Verantwortlichen für die Trinkgeldkasse auch wütend den Club verließen, hatten wir dann auf den Schlag über 4000 Ostmark, die wir dann gemeinsam verfeiern konnten, was wir dann auch taten.
Mit dem Jugendclub ging es abwärts und ich fing auch 1984 im Friedrichstadtpalast mit fester und bezahlter Arbeit an und hatte ohnehin keine Zeit mehr für Jugendclubs. Aus dem Club für die Jugend, der er war, als ich da noch das Sagen hatte, wurde zuerst ein Club für Möchtegernintelligenzler und Studenten und nach der Wende nur noch ein leerer Dienstleistungswürfel, wie diese Dinger in der DDR genannt wurden und jetzt, nach 21 Jahren nur noch eine Ruine, die aussieht, als hätte man sie aus Bagdad importiert.
Wobei man gerade jetzt wieder Jugendclubs hätte brauchen können, wo so viele Jugendliche ohne Ausbildungsplatz sind und auch keine große Chance haben, später einen Arbeitsplatz zu finden.
Die Musik von heute ist zwar nicht unbedingt dafür geeignet, ein jugendliches Publikum mit halbwegs Geschmack oder Verstand in einer Disco zu halten, aber die Kids und jungen Erwachsenen hätten wieder einen festen Ort, an dem sie sich treffen könnten, um ihre viele freie Zeit vernünftig verbringen zu können. Dazu dann eine Ordnungsgruppe, rekrutiert aus junge Erwachsenen, die keine Arbeit haben und so wenigstens eine vernünftige Aufgabe. Haushaltslöcher hin oder her, der Staat, der seine Jugend so vernachlässigt, der muss sich nicht wundern, wenn sie dann am Ende völlig aus dem Ruder laufen, jeden Halt verlieren und vielleicht noch kriminell werden.
Das Beispiel Frankreich sollte die Politiker eigentlich in dieser Hinsicht etwas aufschrecken und zum Nachdenken bringen. Immerhin hatte ja sogar die SED begriffen, wie wichtig es ist, sich um die Jugend zu kümmern und auch das sollte doch ein Denkanstoß für die ja alles wissenden Politiker des neuen Deutschlands sein.
Das es in der DDR dann doch nicht so geklappt hat, mit dem Ruhigstellen der Jugend, dass lag sicher nicht an fehlender Arbeit oder fehlendem Freizeitangeboten, sondern ausschließlich mit dem seltsamen Umgang der Regierenden mit dem Konsumbedürfnis ihrer Bürger. An fehlendem Konsum wird es diesmal sicher nicht liegen, wenn junge Menschen unzufrieden reagieren, aber ganz sicher an fehlender Arbeit, denn dem Programm der großen Koalition war eigentlich Nichts zu entnehmen, was diesen Nachteil der Jugend von heute wirklich beheben würde.
So sollten die Politiker sich wenigstens eine Alternative für die Jugend und die jungen Erwachsenen einfallen lassen und da sind solche Treffpunkte nicht die schlechteste Idee. Zumindest eine bessere Idee, als die Jugendclubs von einst so verkommen zu lassen, als stünden sie auf einem amerikanischen Angriffsplan ganz oben.
Eigentlich war mir 1984 schon klar, dass mein Jugendclub nach nach meinem Rauswurf durch die SED nie wieder der Gleiche sein würde, aber mit einer Ruine habe ich dann doch nicht gerechnet.

Sollte dazu jemand dazu tatsächlich eine Meinung haben, die er unbedingt auch loswerden will, der klickt bitte Hier!