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Rockgeschichten

Angeregt durch die Konzert-DVDs von David Bowie und Neil Young habe ich mir mal meine eigene Rockgeschichte Ende der Siebziger zurück in die Erinnerung gerufen. Ich war damals zwar ein sehr kleiner, aber immerhin doch ein Teil von ihr.
Ich war kein Meister auf der Gitarre und ganz sicher auch kein großer Sänger, aber ich konnte so leidlich die Bluesmundharmonika spielen, dass ich das anderen sogar beibringen musste. Unsere Band nannte sich mutig Rockhaus und wir zogen jeden freien Tag unserer Lehre durch die ostdeutschen Lande und machten die Bühnen verrückt, auf denen gerade nichts los war. Da das Ganze sich in der DDR abspielte, galt das praktisch für jede Bühne. Damals war Casting noch ein genauso unbekannter Begriff wie AIDS. Alles in allem schöne Zeiten also. Geld hatten wir keines und das wenige, was die Lehre und die paar Auftritte, die wir wirklich bezahlt bekamen, abwarfen, steckten wir in Anlage und Instrumente. Gitarrist Reinhard (Reini) bekam so billig aus dritter Hand seine Fender, Bassist Ingo (Inge) seinen ersehnten Rikkenbaker Bass und ich über finsterste Umwege aus Westberlin meine Bluesharp von Hohner.
Die Quellen unserer Musik waren der RIAS, der SFB und der Rockpalast der ARD, der damals noch so richtig abging. Im Rockpalast lief einmal Rory Gallagher und der Gitarrist Reini drückte sich Zuhause im Zimmer Wochenlang die Riffs und Soli auf, die beim Konzert dann auch jedes Mal für entsprechend positive Resonanz, sprich freudiges Gebrüll und Ovationen im Publikum, sorgten. Musik war damals eben nicht nur das, was man auf eingeschmuggelten und sauteuren Platten, dem RIAS und dem SFB noch hören konnte, gute Musik war das Lebens und Protestgefühl der ostdeutschen Jugend. Wir hörten zuhause und auf den Schulhöfen die Stones, Black Sabbath und Deep Purple und gehörten damals für die regierende SED zu Fans des „Feindes”, wie alles Westliche zärtlich bezeichnet wurde. Nun, die meisten ostdeutschen Bands, darunter auch Rockhaus, gingen noch einen Schritt weiter; sie spielten die gute Musik des „Feindes” tatsächlich nach. Mein Part dabei war die Bluesharmonika, die ich mehr als leidlich bedienen konnte. Ich war sogar so firm darin, dass ich meinem Gitarristen das beibringen konnte. Er zeigte mir dafür unschätzbare Tricks auf der E-Gitarre, die ich für den Hausgebrauch und zum absoluten Leidwesen meiner gestressten Eltern auch daheim umsetzte, seit ich mit 16 meine erste elektrische Gitarre aus passenden Holzresten zusammengewerkelt hatte. Ein grottiges Teil, aber sie funktionierte, denn richtige E-Gitarren gab es damals nur unter der Hand und die guten waren schweineteuer.
Reini musste für seine geliebte Fender Stratocaster bei einem anderen Gitarristen satte 5000 Mark hinblättern. Ein Rechenkunststück bei 90 Mark Lehrlingsentgelt im Monat, aber bei ihm, wie auch bei Inges Rickenbakker und bei meiner Bluesharp, waren die Eltern immer mit von der Partie. Sie konnten mit unserer Musik nicht viel anfangen, waren aber froh, das wir uns „sinnvoll beschäftigten”, ohne dass dabei der Staat eine Rolle spielte.
Auch meine Bluesharp kam schon damals um die 20 DM und für uns Ostler war das ein Vermögen von jeweils 100 Mark der DDR, wie die Ostmark von ihren Befürwortern zärtlich genannt wurde. Da mussten sämtliche Verwandte im Westen ran. 1978 wollten Reini und Inge unbedingt mal auf Tour und ich setzte mich mit dem Tourmanager Putbreese zusammen und wir fummelten was aus.

Ich mietete bei einem Privaten von unserem letzten Geld einen Klein-LKW der Marke Robur. Das Ding war doppelt so groß wie ein Barkas, das ostdeutsche Pedant zum VW-Bus. Unsere Anlage war von den Nachrichtentechnikern Reini, Putbreese und mir selbst zusammengeschraubt und funktionierte ganz gut, wenn man die Beschwerden in unseren Proberäumen einfach mal ernst nahm. Die Instrumente hatte jeder selbst am Mann, nur die schweineteuren Sennheiser Mikrophone hatte Putbreese in Griff und Blick. Es sollte nur eine ganz kleine Tour sein, mit zwei Jugendclubs in Leipzig und in Frankfurt/Oder. Wichtig war an erster Stelle die Beschaffenheit der Bühnen.

Um Schlafplätze sorgten wir uns nie, denn zur Not gab es ja die Autos und lange bleiben wollten wir sowieso nirgends. Erstes Konzert war in Leipzig im „Jugendclubhaus Nord”. Als wir mit unserem Getöse ankamen, machte der Veranstalter erstmal entsetzte Hundeaugen.
"Soviel Lautsprecher sind doch bestimmt laut?"
"Deswegen heißen die Dinger auch Lautsprecher, Meister", war meine Antwort.

Ein Berliner Fan, der uns überall hin treu begleitete, half beim Aufbau, denn warum soll ein Fan nicht auch mal nützlich sein? Die Bühne war groß, aber in 20 Minuten stand alles und die Musiker legten los. Der Laden war ausverkauft und das Publikum tobte schon mal vorsichtshalber. Leider weigerte sich der Veranstalter den nervig hellen Kronleuchter im Saal auszumachen und meine, auf Atmosphäre ausgelegte Beleuchtung ging erstmal ins Leere. Der neugierige Inge entdeckte die Schalter für den Kronleuchter und ein Klavier, das noch eine Rolle spielen sollte, hinter einem Bühnenvorhang. Erstmal war es aber noch zu hell und das ließ ich beim Publikum durchsickern und plötzlich standen zwei 1,90 Recken hinter der Bühne und jagten den Veranstalter vom Schalter, machten das grelle Licht aus und es wurde gemütlich. Inge, der noch nie ein Klavier angefasst hatte, setzte sich an das Vorhandene und jazzte los, als hätte er noch nie was anderes gemacht. Als er mit dem Jazzen fertig war, begann er einen Blues und winkte mir und griff wieder zum Bass.

Es war nicht mein erster Auftritt mit Band, aber mein schönster, den ich auch 20 Jahre später noch weiß. Ich gab Melodie und Rhythmus vor, Inge und Reini stiegen ein und was folgte, war ein Jam von 30 Minuten, bei dem doch tatsächlich ein Publikum wegen mir tobte. Das ganze Konzert war nach drei Stunden vorbei und plötzlich fiel mir ein, dass wir ja keine Schlafplätze organisiert hatten. Das sollte sich dann auch in Wohlgefallen auflösen, denn das Publikum verlangte ernsthaft nach einer Autogrammstunde, in der ausnahmslos alle - sogar ich - unterschreiben mussten. Gewünscht, getan und dabei kam dann auch die üble Schlafstättensituation zur Sprache. Putbreese, Reini, Inge und Dirk Wächter, der Drummer beschlossen, noch Nachts weiter nach Frankfurt/Oder zu fahren, um die Situation dort auszuleuchten.

Unser Berliner Fan und ich waren zu gestresst und zu faul und überlegten noch laut, als eine Braut mir die Schlüssel zu ihrer Wohnung in die Hand drückte. „Musste nua drei Blögge weider da Numma 15 und in den dridden Stock”, brabbelte sie in entzückendem Sächsisch. Frank, so hieß unser Fan, und ich fuhren in seinem Trabbi los und hatten die Schlüssel für die Wohnung eines wildfremden, aber recht gut gebauten Mädels. Die Wohnung war uninteressant, aber nach ca. 30 Minuten kam dann sie und die Nacht wurde lustig, weil völlig versaut.

Mit Frank hatte ich da keine Probleme, weil wir sowas in Berlin auch schon durchgezogen hatten und das Mädel war nicht unbedingt schön, aber so richtig geil! Völlig zufrieden mit uns fuhren wir am nächsten Mittag nach Frankfurt/Oder, aber das Konzert hinterließ nicht annähernd soviel bleibende Eindrücke wie das in Leipzig, woran ich mein Lebtag noch denken werde. Das fällt mir ein, wenn ich die DVDs von den Stones, David Bowie und Neil Young aus den Achtzigern sehe. Was mich verwundert ist eigentlich nur, dass da keine Kinder von mir wachsen.