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Strahlentherapie

Das war wohl der, mit Abstand unüberlegteste Vorschlag meines neuen Doktors, um es mal vorsichtig auszudrücken, denn nicht nur, dass mir sofort Hiroshima, Nagasaki und der klingonische Desruptor, eine Waffe mit der man ganze Landstriche entvölkern könnte, würde es sie geben, durch den Kopf gingen, sondern auch den Ort dieser Behandlung empfand ich, gelinde gesagt, als abenteuerlich, denn es war die Berliner Charite, mit der ich schon 1975, als ich selbst noch 15 war, meine schlechten Erfahrungen gemacht habe.
Die Charite ist angelegt wie eine Tempelanlage der Mayas, nur wesentlich größer. Tatsächlich ist die Charite, über 30 Jahre später und sogar nach einem Wechsel des Gesellschaftssystems, noch immer und ganz tapfer dieselbe. Es sind noch immer nur ca 1000 Ärzte, die sich mutig alle vier Millionen Berliner Patienten gleichzeitig in die Sprechstunden bestellen. Es wurde nach der Wende 1989 zwar heftig renoviert, aber die Wartezimmer sind noch immer so geräumig wie die Legebatterien in der industriellen Geflügelzucht.
Auf den Tischen liegen jetzt auch keine zugesauten Magazine mit Berichten und Aktfotos von der ostdeutschen Freizeitgestaltung FKK mehr herum, sondern nun dürfen sich die Patienten um mehrere Monate alte Ausgaben des Käseblattes „SUPER-Illu“ streiten, auf denen verkündet wird, dass Beckenbauer nun seine Schwiegermutter heiraten wird, weil er ihr auf einer Weihnachtsfeier ziemlich intim begegnet ist und einen eigenen Bruder gezeugt hat, der gleich auch noch sein eigener Schwager ist.
Aber zurück zu mir und meinem Termin beim Arzt, denn eigentlich hatte ich ja einen. Unter einem Termin verstehe ich für meinen Teil eine feste zeitliche Verabredung zweier Menschen oder Parteien, die es an sich auch einzuhalten gilt, denn für alles andere bedarf es keiner Termine, da könnte man ja auch auf gut Glück kommen. Nur in der Charite war, wie bei den meisten anderen Ärzten ein Termin nur eine Sache von Phi mal Daumen durch Fensterkreuz und das könnten eigentlich auch alle möglichen Zeiten sein. Auch da war mein Doktor Kabus ja eine lobenswerte Ausnahme. Nur heute wartete ich ja in der Charite. Das Einzige, was da wirklich bei mir passierte, ist die Tatsache, dass eine Schwester kam und ein Merkblatt zur Strahlentherapie brachte, das mich von jeder Illusion dann endgültig befreite, denn als Nebenwirkungen dieser vernichtenden Therapie wurde mit völligem Haarausfall und als Krönung, mit „nässenden Wunden“ geworben, also alles Dinge, auf die ich ziemlich gut verzichten konnte, denn selbst für meinen kaputten Körper gilt das Wort aus dem Bereich der Computer, „Never Change a running System!“, also „verändere nichts, was gerade so noch funktioniert“, und im Moment kann ich so wie ich bin einigermaßen mit mir leben und an völliger Glatze und an nässenden Wunden habe ich irgendwie keinen gesteigerten Bedarf. Nur dass der Strahlentod ein schneller Tod ist, wurde nirgends garantiert. Im Angesicht dieser Tatsache und dass die Patienten im Wartezimmer tatsächlich so aussahen, als würden sie seit 1975 da sitzen oder einen Abstecher aus der Pathologie im Nebenhaus gemacht haben, senkten meine Lust, länger als die vergangenen anderthalb Stunden auf einen gefälligen Arzt zu warten auf Null und ich ließ mich nach Hause fahren, denn ich bin auch mit dem Körper, eingeschränkt wie er ist, ja auch recht weit gekommen und ich komme dieses Jahr Dank eine großzügigen Mutter und mit einer sehr schönen Freundin noch sehr viel weiter. Man mag mich jetzt eitel nennen, aber wenn ich verreise, hätte ich gerne auch meine Haare dabei und nässende Wunden sind bei so ziemlich jeder Reise eigentlich nur von Übel. Ich habe meinem Doc den Gefallen getan und war in der Charite. Wenn mich dort nun kein Arzt ernsthaft haben will, weil er sein Wartezimmer mit jungen Debilen und Alten, wie mich, nur mit Schlauch in der Nase voll stopft, dann ist das nicht meine Schuld, sondern Schicksal. Nachdem mich da keine Strahlung heilen kann, sondern eventuell Schlimmeres verhindern könnte, hab ich mir das mit der Strahlentherapie gut genug überlegt und lass es nun sein.

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