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Substitut

Gitarre klein
Durch den andauernden Hipe, der im Fernsehen um die achtziger Jahre gemacht wird, hab ich mir mal überlegt, was ich da außer zu arbeiten so alles gemacht habe, als es noch kein Internet gab und ich es auch nicht gebraucht hätte.
Es ist jetzt ca 20 Jahre her, da kam es nach dem Geburtstag eines jungen Kollegen von der Beleuchtung mit dem Bruder des Kollegen morgens um vier zu obligatorischen Gespräch über Sinn und Zweck des Lebens im Allgemeinen und das Ende der Welt im Besonderen, wie wir persönlich dahin finden werden und was wir dazu anziehen werden.
An das Ende der DDR und des ganzen Sozialismus oder was man dafür hielt, dachte da noch keiner von uns, denn es schien zu utopisch.
Ecki, so nannte man den jungen Mann, war ein ziemlich kluger Mensch und seines Zeichens Student, der Musik studierte, obwohl er mit dem Staat eigentlich nicht so viel am Hut hatte.
Wie der der ganze Rest seiner Familie war auch er ein begabter Musiker und somit ein unterhaltsamer Umgang für mich. Das Ende der Welt war auch und gerade damals ein beliebtes Thema, weil da die Welt noch aus zwei politischen Lagern bestand, die angeführt von je einer, bis an die Haarwurzeln bewaffneten Supermacht, die jede Sekunde bereit waren, die Erde für ihre jeweilige Ideologie in nukleare Asche zu legen.
Auch der Nahe Osten stand damals schon in Flammen und um Israel, dem Libanon und in Beirut tobte schon damals ein mörderischer Krieg, aber der Krieg war fern und es gab ja noch eine Grenze, die unsere Welt kleiner machte und so war das gar kein Thema.
Außerdem war Yassir Arafat, der Chef der PLO, der im Volk wegen seines militanten Habitus und seinem umgeschnallten, lose baumelnden Colts, schlicht „der Messerwerfer“ genannt wurde sehr oft Gast der eher unbeliebten Regierung der DDR und das trug nicht unbedingt zur Beliebtheit von Palästina und den Palästinensern bei.
Aber damit wollten wir uns die Laune verderben und wir hatten eigene Probleme, die es zu klären galt.
Nachdem wir mal wieder nicht klären konnten, ob an der Mauer die das Universum begrenzt, nun ein eine Currywurstbude oder, wie von mir favorisiert, doch eine Eisbude steht und wann die beliefert werden, wöchentlich oder lichtjährlich. Da konfrontierte mich Ecki mit einem Fremdwort, das ich noch nicht kannte, dem Substitut.
Er erklärte mir, ein Substitut könne ein Ersatz für alles Mögliche sein und er wolle bis zum Ende seines Lebens nur noch von, durch und mit Substituten leben, was ich als recht kühne Vorstellung empfand, denn er war damals erst 21.
Er war also, trotzdem er ein geborenes Stadtkind war, auf seine Art ein Alternativer. Das könnte daran gelegen haben, dass seine Eltern, obwohl sie als Musiker seltsamerweise auf einer Art ererbten Gutshof bei Dresden von den Tantiemen für ein Arbeiterlied lebten, dass in der DDR oft und gerne gespielt wurde und welches der Vater in den sechziger Jahren mal komponiert hatte.
Ecki selbst lebte in Berlin und genau das wollte er ändern. Er wollte in eine Kommune aufs Land ziehen und dort mit Gleichgesinnten ausschließlich von, mit und durch Substitute leben.
Ich hatte die Eltern von Ecki und seinem Bruder mal mit beiden besucht und sie waren freundlich, aber nicht die Hellsten. Der kleine Gutshof war beeindruckend, tatsächlich ererbt und für Ecki und seine Absichten fast ideal. Nur fast, weil auf diesem Gutshof für DDR Standard schon der pure Luxus herrschte. Es gab sogar einen 25 Meter hohen Antennenmast, der mit Sattelitenschüsseln behängt, die ausgereicht hätte um Fernsehen vom Mars zu empfangen, dafür sorgte, dass dieser Gutshof wohl der einzige Ort in Sachsen war, wo man alle Fernsehprogramme des Westens schon vor der Wende ohne Probleme empfangen konnte. Wie er für einen solch ländlichen Luxus ein Substitut finden wollte, war erst mir ziemlich schleierhaft und nach einem längeren Gespräch dann auch ihm sah auch ehr dieses Manko und sah fürs Erste davon ab. So beschlossen wir dann, uns die Zeit anders zu vertreiben und einigten uns auf Musik. Nichts Großes und auch keine ausgewachsenen Band, wie ich sie Jahre früher hatte, sondern nur etwas für den Hausgebrauch, denn beide Brüder beherrschten ein Instrument. Ecki war an der Gitarre recht gut und sein Bruder am Klavier. Ich spielte auch leidlich Gitarre und ganz gut die Bluesharp-Mundharmonika. Das gab dann schon eine Art kleiner Band, die auf Familienfeiern u.Ä. aufspielen konnte. Genau das taten wir dann auch auf etlichen Feiern im Süden der Republik, der damals chronisch unterversorgt war, dann auch ein paar Jahre.
Ich teilte mir meine Dienste entsprechend ein und wir haben so auch im Proberaum vom Orchester des Friedrichstadtpalasts entsprechend üben können. So hat Ecki sich ein paar Jahre etwas zum Studium verdient, sein Bruder und ich hatten auf die Art ein unversteuertes Nebeneinkommen beben dem regulärem Gehalt, das ja so doll nicht war. Das ging dann so weiter, bis ich merkte, wie sich in der DDR politisch etwas tat und meine Präferenzen entsprechend änderte und schon waren auch meine bewegten zwanziger Jahre vorbei.
Nach Wende und Einheit verlor ich auch die Brüder aus den Augen, denn Ecki studierte weiter und sein Bruder wurde im Friedrichstadtpalast entlassen, als dieser plötzlich auf Marktwirtschaft machte und zog nach Dresden zu seinen Eltern und wovon die im neuen Deutschland dann lebten, ist mir absolut unklar, denn der Bedarf an Arbeiterkampfliedern verschob sich auf Null.
Nur hätte Ecki jetzt seinen Traum vom Substitut ausleben können, denn bald ersetzte für viele das Internet die Realität und ein perfekteres Substitut kann ich mir zumindest nicht vorstellen.

Wer dazu eine Meinung hat und die unbedingt auch loswerden will, der klickt bitte Hier!