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Tag der Musiker

OrchesterRudi






Einmal im Jahr kommt der Tag, wo die Realität von gestern mich einholt und an dem ich ganz real daran erinnert werde, dass mein Leben vor dem gesundheitlichen Supergau im Jahr 2000 eben nicht nur ein schöner Traum voller Arbeit war, der Anfang 2000 in einem endlosen Alptraum endete, der bis an mein Lebensende andauern wird.
Dann kommt einmal im Jahr der Anruf, der zum Inhalt hat, wie herzlich ich zur jährlichen Orchesterfete eingeladen bin. Ich sage natürlich immer zu, aber nicht nur, um alte Kollegen und Freunde zu treffen, sondern auch, weil ich weiß, dass Musiker die Einzigen sind, die bei jeder Weltlage ausgelassen zu feiern verstehen, also auch in Merkeldeutschland. Eingeladen hat mich diesmal Tobias, seines Zeichens ein Streicher, aber wie alle Musiker im Herzen ein Rocker, obwohl er, wie damals alle Musiker, ein studierter Mensch ist, zumal er mit einer schweren Maschine die Straßen unsicher macht.
Es kann auch andersrum gewesen sein und der Trompeter Mietze hat mich eingeladen, aber das ist mir längst entfallen. Sicher war nur, ich sollte kommen. Gefeiert wurde wieder im Haus von Egon, eines ehemaligen Musikers, das im Berliner Vorort Karow steht und schon der Weg dahin gestaltete sich recht abenteuerlich. Sämtliche Ampeln schienen den Auftrag gehabt zu haben, einen kommunistischen Parteitag zu illuminieren, denn alle leuchteten in einem kräftigen Rot. Die beste Mutter von allen, die auch bei meinen Kollegen sehr geschätzt wurde, fuhr mich klaglos zur Fete und Max, der Familienhund war, wie immer, dabei, denn meine Musiker kannten mich ja eigentlich nur mit Hund. Der Weg war an sich derselbe, wie beim letzten Mal, aber die gefühlte Strecke war dann schon etwas kreativer. Karow ist zwar nur ein Vorort von Berlin, aber der Weg dahin gestaltete sich nicht nur wegen der roten Ampeln recht interessant, denn rein vom Gefühl her ging der Weg über Bolivien, Korea, Tibet, den Ural, die Karpaten über das Erdbeerpackeis von Grönland dann direkt bis nach Berlin-Karow zum Haus von Egon mit dem großen Garten, in dem es sich jedes Jahr so gut feiern ließ. Max, der zwar ein großer Hund ist, aber wie bei fast allen Hunden, die auf Frauen fixiert sind, eher ver als erzogen wurde, war natürlich der Erste, der Richtung Garten lief, weil es da lecker nach Beute, sprich nach gegrillten Würsten roch, wurde schon mit einem großen Hallo empfangen und mit den Worten: „Da ist ein Hund, Schubi ist nicht weit!“ und richtig, besagter Schubi kam am Stock um die Ecke geschlichen und es begann das nächste große Hallo und ein fröhliches Wiedersehensgebrüll von ziemlich erwachsenen Menschen und auf der stelle fühlte ich mich gut und irgendwie zuhause.
Man schob mir einen Stuhl an eine möglichst bequeme Stelle am zentralen Tisch und bediente mich, als wäre ich ein lange vermisster König. Sogar Axel war da, der Freund und Kollege, mit dem ich 1998 in den USA acht Bundesstaaten in 21 Tagen abgefahren und geflogen bin.
Er war in einer recht undurchsichtigen Aktion eigentlich vor fast 15 Jahren aus dem Friedrichstadtpalast entlassen worden, aber nun musste ermeine Stelle ersetzen, allerdings ohne fest angestellt zu werden, denn die meine Stelle war mit mir Weg, obwohl der Bedarf noch da war. Von Axel hatte ich alles über den Umgang mit Musikern, Instrumenten und Noten gelernt, was man für den Job wissen musste, also war er auch der Richtige.
Da sich aber inzwischen auch der zweite Mann aus meinem Büro durch gezieltes Versterben der Arbeit entzogen hatte, musste Axel doppelt soviel arbeiten, aber eben nur für das halbe Geld, aber auch das trug er mit Fassung, machte nebenbei Musik und eröffnete eine Tischlerwerkstatt, obwohl er eigentlich mal Elektriker und Bassist richtig gelernt hatte. Aufschwung hin, Konjunktur her, der deutsche Otto Normalverbraucher muss sich eine Menge einfallen lassen, um mit seinen Euro über den Monat zu kommen.
Es gab aber auch insgesamt sehr viel mehr Arbeit, mit weniger Leuten und bei einer ziemlich lausigen Bezahlung, soviel war mir nach der ersten halben Stunde mit Gesprächen über die Interna des Theaters klar. Der Gitarrist und Rumpelrocker Rudi kam zwiespältig wie immer, einerseits begeistert, mich zu sehen und andererseits wild fluchend auf die Intendanz die Regierung, so wie ich ihn schon aus Ostzeiten kenne und demonstrierte. wie wenig er sich verändert hat. Wie alle Anwesenden, mich inbegriffen, war auch er nicht jünger oder gar schlanker geworden, obwohl er beim Essen heftig mit sich kämpfte.
Nur innerlich war er noch immer derselbe, der sich gegen jede Art von Regierung erst einmal heftig auflehnte, damit er nach seiner Fasson heftig abrocken und möglichst mehrere Stunden lang Deep Purple zu spielen und möglichst ausgiebige Kommentare dazu geben konnte und gab.
Mit Rudi und Axel habe ich früher sogar im Proberaum des Friedrichstadtpalast gestanden, wie ein Wilder an der Gitarre gezupft, Mundharmonika gespielt und etwas gemacht, was man nur mit sehr viel gutem Willen als Musik, als Blues bezeichnen konnte, während Axel und Rudi ihr Bestes gaben und dazu richtige Musik gemacht haben. Aber wir hatten Spaß dabei. Mittlerweile ist keiner von uns jünger und seltsamerweise auch keiner weniger an körperlicher Statur geworden. Rudi versuchte diesem Umstand tapfer mit Salaten, auf vegetarische Weise entgegenzuwirken. Es baute ihn dann nicht wirklich auf, als ich ihm erzählte, dass Dirk Bach, der von der Figur her die grazile Ausstrahlung eines Medizinballs hat, ein völliger Vegetarier ist und trotzdem eher den Flair und das Habitus eines Ottfried Fischer hatte, als den eines Brad Pitt. Um keine negative Stimmung aufkommen zu lassen, wechselten wir vom Thema Essen zu Rudis Gitarrenspiel, denn er pflegte selbst vor der lausigsten Revue mit der übelsten Musik die Angewohnheit, sich dadurch einzustimmen, die besten Gitarristen der Welt aus den Fingern zu lassen. Einen Mix, der von Hendrix über Santana, bis Alvin Lee und natürlich bis Ritchie Blackmore reichte.
Rudi ist mit Leib und Seele Gitarrist, er hatte das drauf und davon profitierten vor der Vorstellung alle Leute, die auf guten Rock standen, als fast das ganze Theater. Er sah zwar mit seinen über 50 nicht unbedingt aus wie ein junger Gott, aber er spielt Gitarre wie einer. Rudi ist zwar kein unbedingter Fan der Rolling Stones, aber weil Alter und Lebensweise auch an ihm nicht ohne Spuren vorübergegangen sind, sieht auch er mittlerweile so aus, wie der Stiefschwiegeropa von Keith Richards.
Nur spielte er besser Gitarre als der Stiefschwiegeropa von Keith und allein darauf kam es an. Auch Rudi hat seit Jahren Internet und inzwischen sogar eine eigene und sehr anständige Homepage, die von seinen Interessen und seinem künstlerischen Tun berichtet. Nur schreibt er weniger und musiziert dafür mehr und besser, als ich es je konnte.
Die Musiker bedienten mich wie einen Fürsten und bei zwanglosem Geplauder verging die Zeit.
Nach vier Stunden wuselte dann auf einmal ein braunes Fellbündel zwischen unseren Füßen und unter dem Tisch, der Hund der auf den Namen Max gelegentlich auch hört, war zurück und zeigte heftiges Interesse für den Grill. Meine Mutter war da und damit auch die Kalesche, die mich nach hause brachte. Mutter und Hund wurden noch kurz zu den Spezialitäten vom Grill eingeladen und dann war auch dieser schöne Tag wieder vorbei.
Ein paar der Musiker sehe ich heute zu meinem Geburtstag wieder, den ichluxerös im Restaurant des Berliner Fernsehturms im kleinen, aber ausgesuchtem Kreis begehe. Unter Musikern fühle ich mich immer wohl, sie sind mein geistiges Zuhause. Die Rückfahrt ging dann über weniger Kontinente und ich stürzte wieder im Internet ab, aber der Tag war dafür Klasse.




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