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Unter Musikern

Die Musiker in Berliner Orchestern haben Regeln und Rituale.
So war es zu meiner aktiven Zeit eine Regel, dass Musiker, die Probleme mit der Zeit haben, beim Zuspätkommen, einen bestimmten Obolus in die Orchesterkasse zu entrichten haben. Kamen sie zu einer Vorstellung zu spät, waren das satte 50 DM, bei einer Probe 25 DM und bei einer wichtigen Versammlung immer noch 10 DM.
Daran hat sich seit dem Euro auch nichts Wesentliches geändert, nur die Summen sind umgerechnet.
So kann im Laufe eines Jahres manchmal ganz schön was an Geld zusammenkommen, denn echte Musiker stehen auf Kriegsfuß mit jeder Uhr.
Ist die Orchesterkasse dann voll, greift das Ritual und die Kohle wird bei einer Orchesterfete gemeinsam hauptsächlich versoffen. Da aber selbst meine Musiker in die Jahre kommen, wurde über die Jahre eine zünftige Feier daraus, bei der das Orchester eingeladen war und alle Leute, die man kannte und die von den Musikern als positiv eingeschätzt wurden. Dazu zählten auch handverlesen ausgesuchte ehemalige Musiker und zu meiner Freude wohl auch ich, denn ich wurde so selbstverständlich eingeladen, als wäre ich immer noch beim Orchester.
Es war jetzt das zweite Mal in drei Jahren, dass ich als Einziger vom Orchesterbüro und damit ziemlich exklusiv von den Musikern eingeladen worden bin.
Gefeiert wurde wie immer in einem kleinen Dorf bei Berlin, im Haus eines Musikers, der vor sieben Jahren in Rente ging.
Eine Fete mit echten Menschen, die mit der Welt und ihrem Leben zufrieden waren und das Beste daraus gemacht haben und die mich nicht nur sehr gut kannten, sondern sogar schätzten? Ich war begeistert und sagte natürlich zu. Praktischerweise orderte ich meine Mutter, auf das sie mich in Karow, so heißt das Dorf bei Berlin, abladen und wieder abholen würde. Nach einer kurzweiligen Stunde Fahrt, in der ich dann einiges über die Seitenstraßen Berlins und über ihre neuste Art der kreativen Fahrweise was kirschgrüne Ampeln und Straßenbaustellen erfuhr, stand ich auch schon vor Egons Haus.
Egon war über mehrere Jahrzehnte der Mann am Baritonsaxophon im Orchester, bis er 1998 in Rente ging und seither sein kleines Anwesen für Orchesterfeiern zur Verfügung stellte. Als ich so vor dem Zaun rumstand und klingeln wollte, hatte ich plötzlich eine vertraute Pranke auf der Schulter.
Es war Nicki, der bulgarische erste Trompeter, der sich auf sehr südländische Art freute, mich zu sehen und mich an seinen massigen Brustkorb drückte.
Ich fühlte mich zuhause, so zuhause, wie man sich nur fühlen kann, denn dieser Mensch kennt mich seit 1984.
Dann im Garten gab es ein weiteres großes und herzliches Hallo und einen unvergesslichen Anblick.
Der Hausherr Egon stand am Grill und war bemüht, das Ding mit einem scheinbar gusseisernen Fön, der ganz offensichtlich noch älter war als er selbst, zum richtigen Glühen zu bewegen.
Der Garten war voller Musiker die ich kannte und alle lachten mich an.
Es war herrlichstes Grillwetter und mir lief das Wasser im Mund zusammen, aber im Stehen essen wollte ich nicht, also brachte mich Nicki zu einem Tisch und besorgte einen bequemen Stuhl.
Als ich dann endlich saß, kamen die Musiker einer nach dem anderen zu mir und erkundigten sich nach meinem Befinden. Ich hatte das Gefühl, ich würde eine Parade abnehmen und als Höhepunkt des ganzen Treibens wurde ich auch von vorne bis hinten bedient.
Da fielen mir aus irgendeinem Grund die gestörten und mit ihrem Leben unzufriedenen Erwachsenen aus dem Internet ein, die zu ihrer gesteigerten Zufriedenheit erst virtuelle Titel und Bestätigung brauchen. Was sind das doch eigentlich für arme Schweine, die nicht wissen, wieviel Freude und auch Freunde ein erfülltes Arbeitsleben bringen kann!
Diese Leute, bei denen ich gerade war, wussten nicht einmal was ein virtueller Titel ist und ich hätte ihnen das auch nicht erklären können, denn sie hätten mir das kaum geglaubt, wie Menschen sich für ein völliges Nichts verbiegen können.
Ich hatte den Papsttext mitgenommen, wo die BILD ausgerastet ist und wollte die Reaktion von echten Menschen und direkt testen und vom zustimmenden Lächeln, bis zum lautlachechendem Schenkelklopfer war alles bei, was sich ein Verfasser an positiver Reaktion so wünscht.
Musiker sind nicht ganz so resistent gegen Ironie und Satire, wie andere Leute, die schon beim Wort Kirche auf die Knie fallen und Richtung Rom und Ratzepaps beten.
Aber ich wollte mich ja genau davon ablenken und fragte nach den Highlights aus dem Friedrichstadtpalast.
Auf die Art erfuhr ich die letzten Schlagzeilen aus dem Inneren des Orchesters. Auch sonst waren am ganzen Tag nur Musiker und vor allem Musik das Thema.
So hat mein Vertreter von 2000 noch immer nicht begriffen, wie man ein Orchester behandelt und ist entsprechend beliebt und alle Leute hielten sich nun an dessen neuen und alten Vertreter, der wieder angestellt worden war, weil er zwei Hände hatte und Ahnung von dem Job. Alles kein Trost für mich, denn ich bin ja nun raus.
Nachdem man mir vier Radler, drei Grillwürste und drei Kaffee gebracht hatte, war ich satt und als die Musiker dann die härteren Drogen auf den Tisch stellten, musste ich mich wegen meiner Medikamente ausklinken und rief wegen der Heimfahrt an.
Der Abschied war groß und herzlich und man versprach mir weitere Orchesterfeten, auf denen ich dann wieder Gast bin und da es echte und zufriedene Menschen sind, denen ich glauben kann, fuhr ich zufrieden nach Hause. Musiker sind schon ein recht seltsames, aber gutes Völkchen.
Sicher keine weltbewegende Geschichte, aber für mich ein außergewöhnlicher Tag. Bilder vom Ganzen findet man unter Diverses und damit sich mein Stalker Mantelkind nicht so verbiegen muss, gibt es die Kommentarmöglichkeiten für Alle, wie immer, hier:http://cheopstexte.blog.de/