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Vivisektion

Diekirch-Militarmuseum_040Feldlazarett
Gesundheitsminister

Eine Vivisektion ist an sich nichts weiter als ein Aufschneiden und Sezieren eines Körpers. Aber hier geht es um meinen Körper und da beginne ich besser vorne.
Jeder, der mich auch nur etwas kennt, oder der mehr als nur drei Texte von mir gelesen hat, der weiß, dass ich nicht nur auf Glückshormonen reitend durch die Welt und das Leben reise. Andere Menschen haben einen reichen Erzeuger, ich hatte nur einen sehr kranken und der hat mir über die Gene einen gehörigen Anteil seiner Krankheit, an der er selbst sehr jung, mit 27 Jahren starb. Bei mir selbst merkte man zunächst nichts und so konnte ich eine sehr glückliche und ausgefüllte Kindheit verleben, bis ich 15 wurde.
Da allerdings zeigten sich Symptome von Krankheiten, die sich kein Arzt erklären konnte, denn eine direkte Vererbung durch meinen Vater hielt man für ausgeschlossen. Am Ende und nach einer Masse ausgefeilter Diagnosen war sie es dann doch und ich musste von da an unzählige medizinische Drogen nehmen, die mir zu einem normalen Leben verhalfen, aber auch Teile meines Körpers nachhaltig schädigten. Eigentlich kein Grund für allzuviel eitel Sonnenschein, aber bis Ende 39 hatte ich eigentlich alles Wichtige machen und ein auch dabei ausgefülltes Leben leben können, viel Länder bereist, Musik gemacht und sogar sechs verschiedene Arbeitsstellen, mit vielen Kollegen und Freunden gehabt.
Anfang 2000 traf mich mit Ende 39 dann der Schlag und die Medikamente wurden noch mehr und noch härter. Da man auf Dauer und über Jahrzehnte nicht wirklich jeden Schmerz einfach ignorieren und weglachen kann, sah ich mich2007 nach einer medizinischen Lösung um und habe dann auch eine Spezialistin in Westberlin gefunden.
Das war zunächst sehr schön, aber bedeutete unheimlich weite Wege zum Arzt. Die Diagnose war natürlich verheerend, denn von Magengeschwüren bis porösen Magenwänden war so ziemlich alles dabei, was dem Mann von heute Spaß und Freude bereitet. Nun war die Ärztin auch eine Chirurgin, die solche Defekte problemlos beheben könnte und so machten wir mutig einen Termin für die OP im Januar 2008 fest. Nur hatten wir nicht mit der Politik gerechnet.
Diese OP war zwar kompliziert und teuer, aber früher kein Problem. Merkel hatte zwar 2007 einen Aufschwung © Merkel verkündet, aber wie jeder Aufschwung © Merkel kam der nirgends an und gerade in der Gesundheit wurde ganz gerne gespart und die Krankenkasse lehnte die Bezahlung genau meiner OP ab. Nun sind aber meine verbliebene Familie, also meine Mutter und ich, aus der DDR einiges gewohnt und daher recht kämpferisch gestrickt und wir charterten einen Anwalt, der meine Kasse vor Gericht zerrte und nach zwei langen und schmerzhaften Jahren war dieses unwürdige deutsche Vorspiel dann vorbei und ich konnte im Oktober in die Klinik.
Es war eine recht heruntergekommene Klinik vom Roten Kreuz zu einer recht widerlichen Untersuchung der Reste meines Magens. Ich habe im Text „Ein Tag im Hades“ darüber berichtet. Aber es war eine Klinik, die alles hatte, was ein chirurgischer Metzger für eine OP benötigt. Wegen Terminproblemen war aber erst Anfang Dezember der Stichtag m Sinn dieses Wortes und meine Begeisterung dafür, an dieser sensiblen Ecke meines Körpers operiert zu werden, hatte sich ein wenig gelegt. Aber nach so langem Kampf mit der Kasse musste ich da nun rein. Es waren die altbekannten Zimmer, die mich so an Polikliniken der DDR vor 30 Jahren erinnerten, aber in den Betten lag das Elend der Bundesrepublik im Jahr 2010. meist ältere Männer, die optisch zwei Weltkriege überlebt haben müssen und einer sogar den 30-jährigen Krieg. Die Fernseher waren immer noch dieselben Modelle, die kurz vor der Erfindung des Buchdrucks auf den Markt kamen, aber da habe ich vorgesorgt und mein Notebook mit einem Web und TV Stick aufgerüstet, was bei dem ersten Opa schon mal für Aufregung sorgte, der mein Zimmergenosse war.
Er regte sich auf und fragte, ob das den ganzen Tag dudelte, was insofern lustig war, weil er sich als stocktaub herausstellte. Er war 89, hatte nur das unbekannte Gerät mit dem Fernsehbild gesehen und schon mal vorsorglich protestiert. Wir verstanden uns dann ganz gut, zumal er dann nach Hause ging und ich in das nächste Zimmer kam. Da wurde ich dann mit dem konfrontiert, was heute mutig Organisation genannt wird, denn mein OP Termin war für Dienstag, den 14. Dezember vorgesehen und ins Krankenhaus wurde ich am 9.12. bestellt, einem Donnerstag und ich dachte, die Tage würden für relevante Untersuchungen genutzt, aber man wollte nur die Betten voll haben und von der Kasse bezahlt bekommen, denn es passierte einfach gar nichts. So konnte ich mich in meine Schmerzen vertiefen und über das Internet mit ein paar netten Bekannten aus einem kleinen Forum unterhalten.
So verging die Zeit recht schnell, aber auch das Guthaben auf dem Stick, den die Grabräuber von Mobilcom/Debitel zogen mir nicht, wie angekündigt, 3,80 Euro pro Tag, sondern pro Einwahl ab und so reichte das Internet nur für ein paar kurze Meldungen. So tat das Notebook seinen Dienst eben als Fernseher und half mir, ein langes Wochenende zu verkürzen, denn die eigentlichen Untersuchungen fingen tatsächlich erst Montag, den 13.12. an. Da ging es dann wieder durch die Katakomben der Klinik, aber diesmal lag ich im Bett und wurde von den letzten Zivis des Krankenhauses durch die Gänge geschoben. Neben den überarbeiteten und unterbezahlten Schwestern waren das dann auch die Einzigen, mit denen man normal kommunizieren konnte. Der nächste Tag war dann mein D-Day, aber ich landete nicht in der Normandie, sondern meiner Schlachtbank, zur fröhlichen Metzelei, wie ich glaubte.
Ich verbrachte den ganzen Tag in der Narkose und da war die Welt ohnehin in Ordnung. Am Abend wachte ich dann in der Intensivstation auf, die natürlich in den Katakomben des Kellers war und fühlte an der Stelle meines Magens nur eine Kreissäge, die keiner abgeschaltet hatte, aber sonst ging es mir ganz passabel und ich war froh, diese Tortur endlich hinter mir zu haben. Einen Tag später war die Kreissäge endlich aus, ich wurde verlegt und bekam reichlich Besuch und ein paar Tage weiter konnte ich dann nach Hause und der neue Magen funktioniert relativ reibungslos und schmerzfrei. Nur die Portionen sind kleiner geworden und ich esse nun wie ein tibetanischer Mönch in der Fastenzeit. Frei nach Wilhelm Busch: „10 Tage war der Schubi krank, jetzt raucht er wieder, Gott sei Dank“. Ich hätte zwar mit dem Rauchen aufhören können, aber nachdem normales Essen und Alkohol für immer vorbei sind, wollte ich wenigstens ein Laster behalten.
Ich kann ja jetzt jederzeit mit dem Rauchen aufhören, da ja Essen als Ersatzbefriedigung ausfällt und ich so nicht zunehme, wenn ich aufhöre. Die Nummer im Schlachthaus ist nun einige Wochen her, ich nehme feste Nahrung zu mir, wenn auch nicht allzu viel und es ist sogar schon 2011 und das blutige und schmerzhafte 2010 ist mit dem alten zerfetzten Magen Geschichte. Nachdem ich auch einen jungen Türken als Zimmergenossen hatte, weiß ich, wo mein Haus wohnt und vor allem weiß ich es zu schätzen. So schnell bekommt mich keiner mehr in eine medizinische Einrichtung, selbst wenn die fünf Sterne haben sollte, denn es bleiben mir ja weitere 35 Jahre, um auch den neuen Magen zu verschleißen.
Bis dahin ein ganz großer Dank an meine Mutter, die als meine Betreuerin und Vertraute den Kampf und den Sieg über das System erst möglich gemacht hat.

Kleiner filmischer Einblick in die OP




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