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Wahltag

Boah, was ein Sauwetter! Das hat die SED damals besser im Griff gehabt. Als sie ihre Freunde zählte und das Ganze dann „Wahl“ nannte, gab es meistens Sonnenschein und es war warm. Gut für meine Mutter, die damals noch Eis und Quarkkeulchen auf der Karl Marx Allee, nähe Alexanderplatz verkaufte und an solchen Tagen einen recht ansehnlichen Umsatz machte, denn auch Parteifreunde mochten Eis, hatten Hunger und vor allem Geld. Heute ist das irgendwie auch alles anders. Meine Mutter ist in Rente und hatte am Wahltag weder einen Ausweis, noch einen gültigen Pass. Der Ausweis lag beim Autohaus, weil sie sich nach 12 Jahren endlich zu einem Neuwagen entschließen konnte und der Pass war schlicht abgelaufen. Statt Führerschein, den sie erstmal Zuhause hat liegenlassen mit abgelaufenem Pass bewaffnet ergab sich für sie das nächste Problem, wen wählen? Da sich ihre bis dato geliebte Ostpartei PDS durch die Flugmeileneskapaden des Herrn Gysi erstmal unmöglich gemacht hat, sah ich meine Chance und gab ihr den Rat es doch mal mit „Der Doris ihren Mann seine Partei“ zu versuchen und dem Joschka. Sie stimmte zu und das war’s dann. Angekommen in der alten Schule, wo seit 25 Jahren immer irgendeine Art Wahllokale stationiert waren, ergab sich dann ein völlig anderes Problem, denn das eigentliche Wahllokal erfreute mich mit der Tatsache, das es nicht zu ebener Erde, sondern ein halbes Stockwerk darüber lag und es war eine Freude für einen Menschen mit 1,5 Füssen. Allerdings standen ein paar nette junge Damen dort rum, die aber meine Not erkannten, als ich dann am Stock laufend angehumpelt kam und sie griffen mir altem 42jährigen Mann unter die Arme und brachten mich direkt zum Wahllokal, wo ich mich identifizierte und dann zur eigentlichen Wahl schreiten durfte. Auf meine laute Frage in den Raum, wie denn Doris ihr Mann seine Partei hieße, bekam ich erstaunlicherweise keine Antwort. Als ich 1990 Wahlhelfer war, hätte ich das gewusst. So ändern sich die Zeiten. Dann sah ich den Direktkandidaten der Grünen, Christian Ströbele, den ich noch Persönlich am 04.11.1989 auf der Millionendemo am Alexanderplatz kennen gelernt habe und machte meinen Haken. Mit der Zweitstimme, es wird keiner ahnen, nahm ich dann die Partei, der Doris ihr Mann angehört, da mein Berlin schon zu lange Fremd regiert worden ist. Erst von so Hardcoresachsen, wie Ulbricht und Hilfssaarländern, wie Honecker. Außerdem weiß ich, was mich bei Schröder und Fischer erwartet und bei Stoiber weiß das eigentlich keiner. Ich glaube nichtmal er selbst! Meine Mutter beglückte mich dann mit der Nachricht, das sie Erst und Zweitstimme durcheinandergehaun hat und ich nun weiß, wem ich Stoiber in die Schuhe schieben kann, wenn er denn gewinnt. Nun sitz ich Zuhause und hab den Fernseher an und warte auf die Hochrechnungen des ZDF, die dem Endergebnis in den letzten 30 Jahren immer am Nächsten kamen. Ich möchte mir nichtmal vorstellen, was passiert, wenn dieses Land nun von konservativen Trachtenbefürwortern regiert wird und sich eine CDU/CSU/FDP Koalition wieder über Jahrzehnte an die Macht krallt!