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Zwei Tage und zwei Nächte

Das war die leider sehr endliche Zeit, die ich hatte, um meinen ungenutzten väterlichen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Ein sehr junger Freund aus dem Internet, er heißt Julian, ist 15 und ist mit so lieblosen Eltern gestraft, dass er deswegen sogar schon beim Jugendamt war, hatte mich über das Wochenende besucht.
Wir kennen uns über das Internet schon länger und wenn er irgendwelche Fragen oder Probleme hatte, so wandte er sich an mich alten Mann, weil sein Vater ihn und seine Probleme einfach nicht ernst nimmt. Er hatte den Besuch angekündigt und ich war erstmal ungläubig. Wir kannten uns von längeren Gesprächen und Passbildern, also so, wie es das Internet eben zulässt. Telefoniert hatten wir zwar auch, aber das war auch schon alles. Nun denn, er kam. Freitagmorgen stand ich in spannender Erwartung und misstrauischer Mutter, die mich gefahren hat, am Berliner Ostbahnhof und harrten der Dinge bzw. des Zuges, der Julian bringen sollte.
Meine Mutter konnte bis jetzt nur mit wenigen Freunden von mir etwas anfangen und das waren Torsten, Klaus, Felix und Markus. Sie erwartete nichts anderes, als ein 15jähriges Kind. Umso größer ihre Überraschung, als sie auf dem Bahnsteig von einem freundlich lächelnden und gutaussehender junger Mann begrüßt wurde. Julian erkannt auch mit einem Blick das Wesen von Berlin und empfand es erstmal als Baustelle. Bei der anschließenden kleinen Stadtrundfahrt, sah er sich in dieser Meinung bestätigt. Dann lud uns Mutter erstmal in die Pizzeria unter meiner Wohnung ein und wir schlugen zu. Danach bei mir angekommen, hielt er sich gar nicht erst lange auf, sondern zog sich ein frisches Shirt an und wollte jetzt was sehen von Berlin.
Mir fiel erstmal nichts Besseres ein und ich schleppte ihn zum Friedrichstadtpalast. Ich muss es geahnt haben, denn dort waren tatsächlich Orchesterproben. Nach dem ersten Begrüßungsgeschrei meiner Musiker habe ich ihm dann das Haus aus Perspektiven gezeigt, die sonst kein Zuschauer zu sehen bekommt. Da er in einer Kölner Vorstadt lebt, war er natürlich beeindruckt. Auch von der Herzlichkeit und der Wärme, mit der ich da empfangen wurde. Als meine Kollegen nach der Natur seiner Herkunft fragten, erklärte ich ihn einfach zu meinem Sohn aus meinen Rockertagen. Keiner, der auch nur gestutzt hat, denn bei Musikern ist sowas nicht ungewöhnlich, das da nach Jahrzehnten mal ein Kind aus Tourneetagen auftaucht. Tiefer gefragt hat da keiner, denn man traut mir in der Hinsicht sowieso alles zu, da man ja selbst mal mit Band unterwegs war und da keiner den ersten Stein werfen würde. Dann fassten wir den Folgenschweren Entschluss, die BVG zu nutzen, um wieder zu mir zu kommen. Eine nette Theorie, die dann an der Berliner Praxis, die sich da BVG und vor allem deren unkundigem Personal nennt, fast gescheitert wäre. Ich war nämlich so vermessen und wollte für Julian ein Wochenendticket für den gesamten ÖPNV, aber genauso gut hätte ich beim Papst Kondome kaufen wollen, denn diese sehr nützliche Ticket, was ich persönlich aus London kannte, war in der Deutschen Hauptstadt gänzlich unbekannt.
Irgendwie typisch dachte ich mir und fragte nach Alternativen. Ein großer Fehler bei der BVG ist es, überhaupt eine Frage zu haben, denn der Wissenstand im eigenen Job ist unsagbar dürftig und genau das fiel auch Julian auf. Julian machte es auch absolut nichts aus, das die Lauferei mit mir Krüppel einem Tanz mit Quasi Modo, dem Glöckner gleichkam. Er ist eben anders und offener! Wir wurden zuletzt an den Alexanderplatz verwiesen, dort gäbe es ein „Servicezentrum“. In meiner Jugend nannte man sowas Fahrkartenschalter und die Dinger gab’s an jedem Bahnhof, aber jetzt sind wir ja modern und machen alles besser. Nur der Mensch, der in diesem Servicezentrum saß, glänzte auch durch nicht allzu viel Wissen. Die Frage, welche Straßenbahn uns vom Alex wieder in meine Ecke bringt, hätte jeder Schaffner früher, wie aus der Pistole geschossen beantwortet, aber der Herr, der da saß, bemühte doch tatsächlich den Computer und druckte uns lustige Pläne aus. High End Service eben.
Ich holte noch zwei relativ günstige Tagestickets für Julian, da das angebotene „Wilkommensticket“ für drei tage Busse und Bahnen nicht weniger als 19 Euro kosten sollte und im Angesicht dieses Wuchers erschienen mir die 7 Euro pro Tagesticket dann wie ein echtes Schnäppchen. Ich war Fix und Fertig von der vielen Treppensteigerei in U und S-Bahn wegen der Tickets. Zuhause angekommen, wechselte Julian das Hemd und zog nochmal mit Digicam, Stadtplan und dem Ticket bewaffnet wieder los und ich setzte mich mit kaputten 1,5 Füßen vor den Computer, um dort wieder das völlige Gegenteil von Julian zu erleben. 17, 18 und 19jährige Großschnauzen, die sich allen Ernstes für erwachsen hielten und selbstredend aber auch alles besser wussten. Darunter einige Hohlköpfe, die mir versicherten, wie viel virtuelle „Feinde“ ich doch hätte und wie sehr sie mich „hassen“ würden. Das ist bezeichnend für eine Zeit, in der alte Leute die Chatpolizei bei Kindern spielen, weil ihr Leben so richtig gegen die Wand lief, aber im Angesicht meiner Kollegen und vor allem meines Besuches, war mir das so richtig scheißegal.
Der kam nach drei Stunden hochzufrieden wieder und strahlte mich an. Er hatte alle wichtigen Stellen in Berlin zu Fuß und mit der Bahn erkundet, war auf dem Fernsehturm, lief von dort aus zum Brandenburger Tor, dem Tiergarten und krabbelte zuletzt sogar noch auf die Siegessäule.
Eine Tour, bei der mir auch das letzte funktionierende Bein den Dienst versagt hätte, wäre ich da mitgelatscht. Nun begann im wörtlichen Sinne der unterhaltsame Teil von Julians Besuch und wir tauschten uns aus. Die Nacht verbrachten wir noch mit lustigen Gesprächen miteinander und im ICQ. Da konnte ich seine Fingerfertigkeit bewundern, denn er schrieb mit 10 Fingern, war schlagfertig und fehlerfrei. Er ging dann ins Wohnzimmer zum schlafen und ich zog mir im Schlafzimmer Videos und DVD rein bis ich völlig erschöpft wegpennte. Am nächsten Morgen, Samstag, beglückte uns meine Mutter mit frischen Brötchen, wir standen auf und Julian zog wieder los, um auch die letzten Meter der Innenstadt zu erkundigen. Ich war inzwischen mit Torsten so verblieben, dass er uns abends mit dem Bluesmobil abholte und uns etwas Szene zeigte. Julian kam zurück und nahm dieses Angebot dankbar an. Als Torsten dann kam, fand auch er Julian auf Anhieb sympathisch und damit waren das dann schon drei Erwachsene, die Julian mit seiner offenen Art und seinem Lächeln gewonnen hatte.
Mich mit 43, meine Mutter mit 65 und Torsten mit 40. Er fuhr uns erstmal in seine Ecke an der Oranienburger Straße mit den vielen Straßencafés und wir blieben dort in einem auf eine Kleinigkeit erstmal sitzen und sahen uns das bunte Treiben an. Nach ca. einer Stunde fuhren wir dann zu Torstens Bruder Oli und dessen Szenekneipe im Prenzlauer Berg. Ich machte mit Oli den Termin für meine Geburtstagsfeier dort klar und ansonsten unterhielten wir drei uns noch ganz köstlich über alles und jedes.
Dann ging es wieder nach Hause, denn Julian musste am Sonntag recht früh raus wegen seines Zuges nach Köln. Ich war zwar gerädert, aber ich stand trotzdem auf um mich von meinem jungen Freund zu verabschieden. Als er dann weg war, hatte ich echt den Eindruck, das mir was fehlte. Ähnlich ging es mir bis jetzt nur bei Markus, Ute und Felix. Alles sehr reale Freunde eben und nichtnur ein Nickname im Internet. So richtig Bösartig kann ich dann ja wohl doch nicht sein, aber das weiß ich ja auch von meinen Kollegen! Wer mir virtuell dumm kommt, der hat ganz einfach heftige Probleme! Diese letzten zwei Tage waren ganz einfach schön und er fehlt mir. Mein Huftier hat Julian ganz nebenbei auch noch gebändigt und es mit diversen Fummeleien gezähmt. Der junge Mann hat also obendrein noch richtig Ahnung, was einem Computer gut tut.