About me
   Verfasstes
   Internetfamilie
   Fotos
   Friends
   Tiere
   Links
   Guestbook
   Diverse Bilder
Zweiter Tag

Sehr frühe Weckrufe, Präsidentschaftswahlen, Täler mit toten Königen, das neue Schiff und immer wieder Bine

Wenn einen um 4, bzw. 5 Uhr Morgens der Weckruf aus dem tiefsten Schlaf holt, man geht ans Telefon und man ist nicht einmal sauer darüber, kann man davon ausgehen, das man irgendwo in der Fremde im Urlaub ist und irgendeine unsinnige, weil zu frühe Veranstaltung gebucht hat und die netten Leute einen nun dazu extra wecken. Allah würde sie sonst verfluchen, aber man hat sich den Mist ja selbst eifrig eingebrockt und die fleißigen Leute vom Schiff machen nur ihre Arbeit und können gar nichts dafür. Erschüttert über den eigenen Wahnsinn steht man dann noch tatsächlich aufsteht, sich wegen der angekündigten Hitze dann doch ein bis drei Klamotten überwirft, noch halbtot zum Frühstück geht und sich stattdessen aber nur eine Tasse möglichst starken Kaffee ins Gesicht gießt, ist der Tag im Normalfall, auch im Urlaub, eigentlich schon gelaufen.
Nicht so, wenn man eine Bine als Begleiter hat, die solchen Dingen ziemlich grundsätzlich etwas Positives abgewinnen kann und noch dazu mit einer gesunden Neugier gesegnet ist. Von einem, fast noch geflöteten „Schubi, aufstehen“, bis hin zu dem sehr viel Energischerem „Schubi, raus jetzt, das Frühstück wartet“ werden da alle Register gezogen, von denen ich schon fast vergessen habe, das es sie gibt und wie sie klingen. Dann trabt man dann gehorsam zum Bus, um zu sehen, was den deutschen Pauschalurlaubskulturtouristen auf der anderen Seite des Nils, in Theben West, erwartet. Eigentlich weiß man das längst, denn man hat ja Bücher gelesen, dort ist das Tal der Könige mit den Gräbern derselben. Nun sind diese Könige aber schon eine ganze Weile ziemlich tot und es ist schon etwas her, dass die mit Neuigkeiten aus ihrem Leben aufwarten konnten und es wäre fast uninteressant, wenn da nicht die Neugier der weiblichen Begleitung wäre und der riesige Tempel der Königin Hadschetsup wäre, der ähnliche Eigenschaften zugeschrieben werden, wie sie meine weibliche Begleitung auf jeden Fall aufweist. Sehr schön soll sie gewesen sein, sehr sinnlich und sehr mächtig. Alles das trifft auch auf Bine zu und sie hat Macht über mich und das möchte schon was heißen, also müssen auch die Königin und ihr Tempel so hochinteressant sein und da man ja zufällig gerade am Nil ist, also nichts wie hin. „Nichts wie hin“ so als Motto klingt zuerst ja recht überzeugend, aber man hatte uns am Tag der Ankunft ja vorgewarnt, dass in Ägypten jetzt Präsidentschaftswahlen sind und Präsident Mubarak, der das Land über 20 Jahre recht alleine regiert hat, jetzt sein Amt gegen ca. 10 Mitbewerber zu verteidigen hat. Offensichtlich nimmt man in Ägypten die demokratische Prozedur einer Wahl ziemlich ernst und so gab es an jeder Ecke auch recht demokratische Straßensperren, wo, ganz demokratische, bis an die Zähne bewaffnete Soldaten, die nicht ganz so demokratisch guckten, den Verkehr regelten. Aber trotz solcher Hindernisse kamen wir unbeschadet zum Tempel der Hadschetsup, wo ich zum ersten Mal die ägyptischen Taf Tafs kennen lernte. Ein Taf Taf ist nichts weiter, als ein elektrisches Auto mit mehreren Anhängern, in denen Menschen sitzen und so transportiert werden können. Diese putzigen Dinger fuhren uns auf Fotoreichweite an den Tempel und damit war dann auch Frau Hadschetsup gegessen und weiter ging’s zum Tal der Könige, aber dort waren die Taf Tafs aus irgendeinem Grund verboten. Nicht einmal für mich, der ja ansonsten so mächtig von Allah berührt wurde, gab es da eine Ausnahme, denn die Ägypter haben vor ihren alten Königen, die ja gleichzeitig auch ihre alten Götter waren, dann eben doch mehr Respekt, als vor dem, von den Arabern importierten Gott Allah. Nun ist ein Tal voller toter Könige rein geographisch gesehen, ja auch nur ein Tal zwischen mehreren Bergen ist und als ein solches ziemlich riesig und kein guter Ort für einen, auch fußtechnisch, Halbgelähmten.
So blieb ich also am Eingang des Tals unter einem „Baldachin“, wie diese hölzerne Wartelaube mutig genannt wurde, sitzen und harrte der Dinge, die da kommen sollten und Bine warte mit, weil auch ihr das Tal zu groß und die ansteigende Hitze plötzlich zuviel wurde. So blieb sie tapfer bei mir und wir unterhielten uns mal wieder über Gott und die Welt und planten den Rest des Tages sehr viel ruhiger anzugehen und auf dem Schiff zu bleiben, denn die Sonne bot schon morgens um 10 satte 35 Grad und wollte bis zum Mittag noch mal 10 Grad nachzulegen und uns so mit 45 Grad im Schatten zu begeistern, aber uns war nicht so nach Grill, denn das war dann selbst Bine ein Tick zuviel Afrika. Zumal ja das Schiff selbst für den verwöhntesten Europäer genug Luxus bot, auf das man sich dort wohlfühlen konnte.
So machten wir an Bord erstmal Kasse und ich stellte mit Erschrecken fest, dass ich in Sachen Finanzen wohl noch unfähiger war, als die deutschen Finanzminister der letzten 25 Jahre, denn mir fehlte Geld, über dessen Verbleib die Experten noch Wochen, Monate und Jahre später rätseln werden. Dann übergab ich Bine die Aufsicht über unser, nun gemeinsames Geld. Als Hausfrau, Mutter und Unternehmerin hat sie da ohnehin das bessere Auge für die Finanzen, die ich immer nur unters Volk bringe.
So werden die Andenken etwas kleiner ausfallen und es gibt nur Silber und kein Gold, denn wir haben ja noch einige Tage vor uns, die auch nicht billiger werden, wenn wir weiter wie verwöhnte Europäer leben. Wir beide lebten so, wurden verwöhnt und bekamen immer eine Extrawurst. Entweder wurden wegen mir lahmen Sack Reihenweise Busse umgelenkt, damit ich auch ja nicht zu weit laufen musste, oder die ägyptischen Männer rissen sich darum, wer meine schöne Begleiterin zuerst bedienen darf, denn Captain Ali war ja nur der Auftakt der sabbernden Männer, die Bine jeden Wunsch von den Augen ablasen. So kann ich auch verstehen, das ein Ehemann mit einem weniger ausgeprägtem Ego, wie dem meinen, sich neben ihr auf Dauer klein und unwichtig fühlt. Nur warum er dann geht, verstehe ich nicht. Man kann ja daraus auch Vorteil und Nutzen ziehen, wie ich es ganz frech mache und keinem tut das ernsthaft weh. Wir haben jedenfalls beide unseren Spaß daran gefunden. Nun bin ich mit ihr in Afrika auf einem Schiff und wir lassen uns es gut gehen. So ist für uns der männliche Teil der Besatzung des Schiffes immer ein Quell der Freude. Ob nun das Übermaß an Aufmerksamkeit der ziemlich weiblichen Bine gegenüber, oder die Zuvorkommenheit mir gegenüber, der wie der Bucklige behandelt wird, dessen Buckel man streicheln muss, um Glück zu bekommen. Obwohl das der Sache und dem Treiben nicht gerecht wird, denn die Leute hier meinen es wirklich ehrlich und um einen Weg zu ihrem Allah zu finden, liegen sie ja fünfmal am Tag auf dem Bauch und beten gen Mekka. Diese Besatzung besteht in der Hauptsache aus recht ansehnlichen jungen Männern, von denen ich den einen oder anderen auch schon mit Bine verkuppelt hätte, ab sie hält fast jeden für schlichtweg zu jung. Sie hält sich offenbar recht ernsthaft für eine alte Frau, nur weil sie eine hübsche Tochter von 19 hat, die nicht nur äußerlich ihr Ebenbild ist, sondern einen, mindestens ebenso guten Charakter hat.
Wenn ich ihr zum Beispiel den, recht nett aussehenden ägyptischen Reiseleiter angedeihen lassen will, der gleich in mehreren Sprachen, die er fließend spricht, um sie werben könnte, winkt sie dankend mit dem Hinweis darauf ab, dass der eindeutig zu jung für sie wäre, obwohl der gute Mann bereits Anfang 30 ist, aber da ist sie anders als Männer und ziemlich eigen.
Es gibt aber auch eine völlig andere Bine, die nicht einfach nur schön und klug ist, es gibt eine, die „nur mal ne Stunde aufs Sonnendeck“ will und dann wie ein 20jähriges Mädchen in die Kabine gehüpft kommt, mit einem nassen Lappen wedelt und mich alten Sack dann „nurmalebenso“ auf das Sonnendeck schleppt und mit frischem Tee bewirtet, um dort herumalbern zu können, weil sie jetzt allein einen Tempel besucht. In den Momenten ist von ihrem so greisen Alter aber auch nichts zu merken. Da stellt man sich nur wieder die Frage, wie blöd ihr Ex eigentlich sein muss, wenn er so ein launiges und putziges Wesen nach so langer Zeit dann sitzen lässt? Zum Reiseleiter wäre nur zu sagen, dass er nicht nur nett anzusehen, hochintelligent ist und alle möglichen Sprachen kann, sondern er hat auch echtes Talent und weiß mit Menschen umzugehen, egal, wo die nun herkommen. Außerdem kennt er seine Landsleute genau, weiß und warnt vor deren Macken. Für die Händler, die ihren Ramsch loswerden wollen, heißt jede deutsche Frau grundsätzlich erstmal „Heidi“ oder „Claudia“ und jeder Mann, so er denn einen europäischen Bauch trägt, firmiert unter „Rambo“ und wird auch so angeredet. So fordert das Fernsehen auch in Ägypten seinen intellektuellen Preis! Wie Recht Yasser, so der Name des Reiseleiters, hatte, durfte ich in Edfu erleben, als es zum Tempel des Horus ging. Ich kannte das zwar alles schon, aber Bine wollte hin, aber nur, um dann doch mit mir am Café am Eingang zu warten und dann festzustellen, das die afrikanische Sonne dann doch ca. 3 Grad wärmer ist, als die in Europa.
Ich war dann noch auf einem ca. 3000 Jahre altem Klo, das von einem ca. 4000 Jahre alten Kloman bewacht wurde. Ansonsten ließen wir den Tag ruhig angehen im Café. Als der Rest dann vom Tempel gucken kam, ging es zurück zum Bus, aber dazu musste man erst einen Spießrutenlauf an ca. 150 Händlern vorbei, die alle brav und wahlweise und je nach Ansprechpartner ihr „Claudia“, „Heidi“ oder „Rambo“ aufsagten. Diesmal allerdings ohne Erfolg, denn Yasser hatte ja früh genug gewarnt. Dieser freundliche Yasser vom Schiff hat mit dem ziemlich berüchtigtem und ziemlich toten Yasser Arafat genauso viel gemein, wie ein Elefant mit einem Feldhamster. Nichts! Bine ist jetzt im Tempel glücklich, ich bin hier in der Kabine von ihr mit leckerem Hibiskussaft auf Eis bedient worden und wenn mir jetzt nicht noch ein anderes Schiff die Aussicht auf das andere Ufer versperren würde, wäre auch ich sogar glücklich. Aber Alles haben geht dann wohl doch nicht. Aber doch, das Schiff haut wieder ab. Es geht also doch!
Der Abend ist ja noch lang und Bine muss glücklich sein, weil sie mir eine teure SMS über Deutschland vom Tempel auf das Schiff schickt. Ist sie jetzt süß, die kleine Wahnsinnige, oder ist sie eher wahnsinnig, die Süße? Beim Abendessen werde ich es wissen, denn der Speisesaal wird neuerdings erst geöffnet, wenn Bine und ich ganz vorne stehen. Langsam sollte uns das peinlich sein, aber für großes peinlich berührt sein, fehlt uns ganz einfach die Zeit, denn wir haben ja Urlaub und den verbringen wir nicht zeltend an der Ostsee, wo man sich in Ruhe anöden könnte, sondern in Afrika auf einem Schiff auf dem sich bald alles um uns zwei zu drehen scheint.
So steht eines jetzt schon, am zweiten Tag fest: Bine ist das Beste, was mir in den letzten fünf Jahren so passiert ist, ob nun als Mensch, als Freundin, im besten sinn dieses Wortes, als Frau oder auch nur als Reisebegleiter. Nach dem ganzen erwachsenen menschlichen Schrott, der mir seit 2000 im Internet oder gar im Leben begegnete, ist sie die beste menschliche Wiedergutmachung, die ein Mensch sich nur vorstellen kann!