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Musterung

kein_bund_fuer_s_lebenzurmusterung

Da meine Musterung zum Militär ja nun über 30 Jahre her ist, in einem anderen Staat, mit einem anderen System war, hier nun ein Text eines Freundes, der diese zweifelhafte Vergnügen heute, zu Zeiten des Krieges in Afghanistan, bei dem es, Merkel sei Dank, unbedingt auch deutsche Truppen unter Waffen geben muss, zur Bundeswehr zu sollen. Der junge Mann ist Musiker und hat erst kurz ein Blog, für das ich auf meiner HP mal etwas Werbung schiebe. Der Link zum Antworten auf den ist dann wieder ganz unten und führt zu seinem Blog. Er schreibt ein gutes Deutsch und schreibt vielleicht sehr detailliert und vielleicht etwas zu ausführlich, aber man überzeuge sich selbst:

Zitat:
Serenus

Unternehmen Musterung
Eine alltägliche Geschichte auf dem KWEA

Wolkenverhangen ist der Himmel, als ich aus dem Bus steige. Es ist zum Schwitzen zu kalt, zum Frieren jedoch zu warm, ein seltsam frischer Wind weht über die Hauptstraße. Ich gehe ein paar Schritte und versuche mich zu orientieren. In Hanglage liegen zahlreiche alte Kasernengebäude, augenscheinlich noch aus der Kaiserzeit stammend.

Ein wenig hilflos scheine ich zu wirken, denn aus einer Gruppe von vier alten Frauen, die einen Eindruck hinterlassen, als würde es dringend Zeit für eine Erhöhung der gesetzlichen Renten ruft eine aus, dass ich aussehe, als suche ich das Kreiswehrersatzamt.
Froh darüber, nicht jemanden ansprechen zu müssen, diese erste Hürde überwunden zu haben, ohne sie selbst nehmen zu müssen frage ich nach dem Weg.
Ich müsse nur die erste rechts und dann den Weg durch die ehemaligen Kasernen entlang, ich werde es sicherlich aufgrund der Beschilderung dann finden, vorbei gelaufen sei noch keiner. Dankend lenke ich meine Schritte auf den beschriebenen Weg.
Vorbei geht es an ein paar Gebäuden, in denen Firmen und eine Volkshochschule untergebracht sind. Ich verliere mich in Gedanken und gehe meine Anreise noch einmal durch.

Irrsinnig früh hatte ich aufstehen und zum Bahnhof gelangen müssen, war dann mit dem Zug in die Kreisstadt gefahren. Grund dafür, warum ich mich aus meiner ungleich größeren Heimatstadt in die abgelegene Kreisstadt habe begeben müssen ist der Sachverhalt, dass meine Heimatstadt kreisfrei ist, für sie jedoch auch das Kreiswehrersatzamt des umliegenden Landkreises zuständig ist.
Ich denke gerade noch über die fast abenteuerliche Fahrt des Kleinbusses durch die steilen und engen Altstadtgässchen nach, als mich ein Eingangsschild darauf aufmerksam macht, an meinem Bestimmungsort angelangt zu sein.
Ein kurzes Klingeln, sofort öffnet man mir, ich begebe mich zur Anmeldung. Freundlich begrüßt mich eine kleine, schlanke Frau, annähernd sechzig Jahre alt, mit einer runden Hornbrille und kurzen, hellblonden Haaren. Sie klärt mit mir zunächst einige Formalien, händigt mir meine Laufmappe aus, in die ich auch meine Unterlagen hefte.
Es geht weiter zu einem ihrer Kollegen, ein stämmiger Mann im Alter von etwa fünfzig Jahren. Lässig sitzt er an einer Tastatur, gekleidet in Jeans und einem karierten Hemd, welches er teils offen trägt, sodass man deutlich eine silberne Kette aus großen Gliedern erkennen kann. Seine Haare sind mit Gel zurückgekämmt, die Frisur erinnert an den Bundeswirtschaftsminister.

Er ist sehr freundlich und spricht in breitem Hessisch die Angaben zu meiner Person noch einmal durch und gibt mich weiter. Ein junger Mann, der trotz der Tatsache, dass er das dreißigste Lebensjahr anscheinend noch nicht erreicht hat mit starken Problemen seiner Haardichte zu kämpfen hat, gekleidet mit kurzer Hose und bananengelbem T-Shirt führt mich in einen Raum und klärt vorab wichtiges. Auf seine Frage hin erkläre ich ihm, mein Vorhaben sei es – im Falle der Tauglichkeit – den Wehrdienst zu verweigern und einen Zivildienst abzuleisten, mein Bruder habe das genau so gemacht.
Habe ich denn nur einen Bruder, möchte er wissen, was ich bejahe. Das sei Pech für mich, denn hätte ich zwei, so könnte man sich dies alles nun sparen. Ich solle mich doch bei Mama beschweren, dass sie nicht noch einen Sohn mehr in die Welt gesetzt habe. Er ist lustig, locker, nimmt mir die Anspannung und füllt mit mir einen Verweigerungsantrag aus.
Er reicht mir Merkblätter, die aufführen, was ich zu tun habe, wenn ich verweigern wollte.

Auch eine Schulbescheinigung solle ich nach Ende der Sommerferien nachsenden, denn man wisse ja nie, ich könne ja auch plötzlich sagen, dass sich meine ganze Umwelt ins Knie ficken solle und ich nun meine, mir ein schönes Leben ohne jegliche Verpflichtungen machen zu können.
Nachdem ich mich von ihm verabschiedet habe geht es in einen weiteren Warteraum, wo ich mich umziehen soll.
Hier sitzen schon eine ganze Reihe anderer junger Männer meines Alters, teils etwas älter, harrend auf was da kommen möge. Ich grüße, werde sogar von einigen freundlich zurück gegrüßt und suche meinen Spind. Ein System in der Spindnummerierung ist nicht erkennbar, zumindest ist sie nicht fortlaufend.

Meine Augen bleiben kurz an einem Spind mit der Nummer 1337 hängen. Schmunzelnd davon kleide ich mich in Sporthose und Badeschuhe, schließe alles außer der Laufmappe ein, nehme Platz und blättere in einem Wissenschaftsmagazin aus dem Jahre 1997. Während ich gerade einen Artikel über Höhlenmalereien lese, tritt ein weiterer Leidensgenosse ein, der mir schon zuvor aufgefallen war.
Sein Haar ist schulterlang, braun und glatt, fällt aber mit fast aristokratischer Würde, fein säuberlich gepflegt, an den Enden jedoch durch den Friseur frech ausgefranst, auf seine Schultern.
Sein Gesicht, vor allem seine zierliche Nase, hat noch jungenhafte Züge, doch durch seine Körpergröße, sein Auftreten, seine tiefe und angenehm warme Stimme und nicht zuletzt einen kurzen Bart, der sein Gesicht einrahmt, wirkt er ungemein älter, als er ist.

Er hat etwas Merkwürdiges an sich, irgendetwas fällt ihm an mir auf. Habe ich ihn schon einmal gesehen? Wahrscheinlich nicht, aber irgendetwas an ihm ist besonders. Seltsam, aber ich hatte gleich den Eindruck, er müsse wohl der Sohn eines Pfarrers sein, warum, kann ich nicht sagen; es ist rein intuitiv.
Doch man ruft mich auf, ich solle ins Labor kommen. Mehr förmlich als freundlich begrüßt mich eine kleine, kräftige Frau. Ihre Art zu reden hat etwas von Befehlston. Sie ist mir auf Anhieb unsympathisch, doch ich blende das aus. Ich lasse mich wiegen – dreiundsechzig Kilogramm -, lasse ich messen – einmeterunddreiundachtzig -, lasse meine Brille ausmessen und soll schließlich eine Urinprobe abgeben.
Ich betrete einen kalten, gekachelten Raum. Alles, was sich darin befindet ist ein Urinal, ein Waschbecken und ein Papierspender. Wie ich bereits zuvor befürchtet hatte, gelingt es mir trotz intensiven Apfelsaftkonsums am Morgen nicht, auf Ansage hin mich um ein paar Tropfen zu erleichtern. Nach kaum einer Minute hämmert es an der Tür.
Vorsichtig trete ich zurück in das Labor. Die Frau, deren langes lockiges Haar mich an Darstellungen der Medusa erinnert, ist aufgebracht. So ginge das nicht, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit. Den Becher, den sie mir zuvor gab, solle ich entsorgen. Außerdem habe die Tür einen Griff, an dem man sie greifen könne, man müsse sie also nicht so zuschlagen.
Ich entschuldige mich und verweise darauf, dass die Tür sehr schwer sei und sich seltsam schnell bewegen ließe.
Doch meine Antwort ist von keiner unterwürfigen Höflichkeit, wie ich sie früher von mir oft kannte in solchen Situationen, einer Höflichkeit wie sie von einem Kind kommt, das genau weiß, dass es etwas Falsches getan hat, oder einem diensteifrigen Untergebenen sie seinem Meister gegenüber an den Tag legen würde, sie ist im Gegenteil von trockener Förmlichkeit, eine hohle Geste, die nichts aussagt.
Was ich ihr nicht sage ist, dass sie meiner Ansicht nach nicht in der Position sei, mir hierin einen Vorwurf zu machen, könne man doch auch an ein Tür klopfen, ohne gleich den Eindruck zu erwecken, diese einschlagen zu wollen.

Ich solle nun zurück in den Warteraum, dort etwas trinken und zwar so lange, bis ich den Druck auf der Blase spüre. Erst dann dürfe ich mich wieder bei ihr melden, denn sie brauche diese Probe heute noch so oder so.
Ich empfehle mich, gehe zurück in den Warteraum, packe eine Flasche Wasser aus und beginne entspannt in den Anmerkungen eines deutsch-britischen Publizisten zu einem gewissen Herrn H. aus B. am I., welcher es als Diktator schaffte, für viele Menschen zum Inbegriff des Bösen zu werden, zu lesen. Zeit habe ich genügend mitgebracht und von dieser Erscheinung dort drüben im Labor würde ich mich nicht beeindrucken lassen, dessen war ich mir gewiss. Doch unverhofft werde ich erneut aufgerufen, diesmal von einer Frau mittleren Alters mit Dauerwelle, unmodischer aber seltsamerweise irgendwie passenden Brille und einem Shirt einer bekannten Marke, die sich vor allem in meiner Generation großer Beliebtheit erfreuen, was für mich völlig unverständlich ist, sehen sie doch allesamt aus, als habe der Designer es sich nicht nehmen lassen, sich höchstpersönlich auf jedes einzelne zu übergeben.
Sie führt mich zum Musterungsarzt, einem Mann ebenfalls mittleren Alters, der durch seine vernarbte, an Julius Cäsar erinnernde Nase im Profil etwas eigentümlich Würdevolles an sich hat.

Gelassen beantworte ich seine routinemäßigen Fragen nach Alkohol-, Zigaretten- und Drogenkonsum. Anschließend bespricht er mit mir meine Atteste von Krankenhaus und Hausärztin. Sie besagen, dass ich nicht in der Lage sei, Sicherheitsschuhe zu tragen, da beide großen Fußzehen und die Nägel in Folge jahrelang vergeblich behandelter eingewachsener Nägel, schwerer Entzündungen und schließlich einer übereilt und unsauber ausgeführten Operation sowie daraus resultierenden weiteren Entzündungen, bei denen mir die Zehen wohl ohne solch gute ärztliche Versorgung, wie ich sie anschließend genoss, abgefault wären, bleibende Schäden davon getragen hätten.
Ich erkläre, dass ich einmal monatlich auf podologische Behandlung angewiesen bin, da ich mir ansonsten weitere Verletzungen durch die wachsenden Nägel einhandeln würde. Der Arzt nimmt die Zehen kurz in Augenschein.
Sein Gesicht wirft Falten, er zieht die Lippe links nach oben, als habe er selbst in diesem Moment Schmerzen zu leiden.
Mitleidig blickt er mir kurz in die Augen, wendet sich dann wieder den Unterlagen zu und bemerkt, er habe so etwas in diesem Maße auch noch nicht gesehen. Seiner Mitarbeiterin diktiert er, ich sei nur „deutlichst eingeschränkt“ marschfähig, bzw. sei Tragen von entsprechendem Schuhwerk für mich schlicht unmöglich.

Die Mitarbeiterin tippt es ab und beginnt, ein Formular auszudrucken. Der Arzt erklärt mir, er mustere mich aus. Da sei absolut nichts zu machen, der Befund absolut eindeutig. Damit sei ich schlicht und ergreifend untauglich für den Wehrdienst.
Er lässt mich noch etwas unterschreiben und entlässt mich. Ich solle mich wieder umziehen, mich an der Anmeldung melden und müsse nur noch ein Gespräch mit einem Musterungsbeamten durchlaufen, dann könne ich gehen. Eine Urinprobe sei nun völlig irrelevant, was mich sehr freute, würde ich doch so auf ein zweites Auseinandertreffen mit der überaus freundlichen Dame im Labor verzichten können, eine kleine Genugtuung für mich.

Also tue ich, wie mir gesagt und witzele noch beim Umziehen mit dem beharrlich wartendem Pfarrersohn und einem alten Freund, den er zufällig gerade hier getroffen hatte über das Schließfach mit der Nummer 1337 und das Schließfachsystem an und für sich.
Wenn bei der Bundeswehr auch eine solche Ordnung herrsche, sei es kaum verwunderlich, was man für Meldungen von Unfällen beim Einsatz in Afghanistan mitbekomme und es doch sehr beruhigend, dass wir den Verteidigungsfall gegen unmittelbare Nachbarn als ein Szenario der jüngeren, aber abgeschlossenen, Geschichte nicht mehr erleben müssten, gebe ich zu bedenken.
Wir verabschieden uns, ich begebe mich zur Anmeldung, warte erneut nur wenige Minuten und kann schließlich in das Abschlussgespräch. Ich erhalte von einem äußerst freundlichen Musterungsbeamten, dessen Hornbrille und ordentliche Kleidung ihm trotz seiner kurzen und sichtlich mit Mühe, aber doch ordentlich zurückgekämmten Haare, ein äußerst seriöses Aussehen verleihen, letzte Unterlagen ausgehändigt.
Ich sei das, was man als T5 bezeichne, folglich weder verpflichtet, einen Wehr- noch Ersatzdienst zu leisten.
Daher sei nun kein weiterer Briefwechsel zwischen dem Kreiswehrersatzamt und mir nötig und er könne nun mein zu Anfang ausgefülltes Formular zum Antrag auf Verweigerung vernichten, falls ich das wünsche, was ich natürlich unter gegebenen Umständen als ganz in meinem Sinne bejahe.
Er wünscht mir noch angenehme letzte Sommerferien und verabschiedet sich von mir.

Ich begebe mich ein letztes Mal zur Anmeldung, gebe dort Laufmappe und alles, was ich nun nicht mehr benötige ab. Freundlich verabschiede ich mich schließlich und merklich erleichtert trete ich auf die Straße, die früher einmal der Kasernenhof war und die ich knappe zwei Stunden zuvor mit mulmigem Gefühl gegangen war, wie so viele vor mir. Es ging schneller, als ich selbst gedacht hatte und mir blieben zum Glück weitere medizinische Untersuchungen sowie Eignungstests erspart.
Auch wenn der Himmel immer noch nicht weiß, was er aus dem Tag machen will – einen verregneten oder einen sonnigen - und derselbe Wind noch über den Hang weht, all das nehme ich nicht mehr als so beklemmend war. Es ist beruhigend, staatlich anerkannter Krüppel zu sein.





Wer dazu eine Meinung hat, der bemühe den Link zu Serenus hier